Wolkenkratzer in Österreich? Von “Coole Sache!” bis “Bitte nicht!” reicht die Palette der Meinungen und Gefühle: Das Verhältnis der Österreicher:innen zu Hochhäusern ist ein gespaltenes.

Fakt ist jedoch: Die Einwohnerzahl in den Städten steigt, daher auch der benötigte Raum für Leben, Wohnen und Arbeiten. Wie kann Österreich, und da vor allem Wien als Großstadt, diesen Anforderungen gerecht werden?

moderne Wolkenkratzer

Wolkenkratzer in Österreich: 5 Stück

In Europa stehen insgesamt etwa 200 Wolkenkratzer, wovon zwei Drittel in den Städten London, Paris, Frankfurt, Warschau, Moskau und Istanbul zu finden sind. Bleibt für alle anderen europäischen Städte zusammen ein Drittel: Wolkenkratzer-Viertel und imponierende Skylines sind daher weiterhin kein typisch europäisches Ambiente.

Hochhäuser und Wolkenkratzer sind in Österreich derzeit noch Mangelware

Nach europäischen Städten gereiht, steht Wien mit 5 Gebäuden, die 150 Meter Höhe überragen und damit in die Kategorie Wolkenkratzer gehören, an 7. Stelle. London, das den 6. Platz einnimmt, beherbergt bereits 16.

Deutschland hat allein in Frankfurt am Main 22 Wolkenkratzer in der Skyline, Berlin, Hamburg und Bonn zusammen insgesamt 4.

Hochhäuser und Wolkenkratzer in Wien: Die Top Ten

Sie sind zugleich die Top Ten der Hochhäuser in Österreich – der Linzer Bruckner Tower mit 99 Metern Höhe ist nach 15 “Wienern” erst an 16. Stelle gereiht. 

 

Name

Standort

Gesamt-

höhe

Etagen

Eröffnung

Haupt-

nutzung

1

DC Tower 1

Donau City

250

60

2014

Büros

2

Millennium-

Tower

Handelskai

202

50

1999

Büros

3

IZD Tower

Waterfront Wien

162

41

2001

Büros

4

Hochhaus Neue Donau

Donau City

150

33

2002

Wohnungen

5

Marina Tower

Waterfront Wien

140

41

2022

Wohnungen

6

Vienna Twin Tower Turm  A

Wienerberg City

138

35

2001

Büros

7

Vienna Twin Tower Turm B

Wienerberg City

127

34

2001

Büros

8

Vienna International Center / Building A

Donau City

127

27

1979

Büros

9

Peak Vienna

Floridsdorf

113

31

2001

Büros

10

ORBI Tower

Erdberg

110

35

2017

Büros

Weitere Hochhäuser in Wien

Eine Auswahl neuer Hochhäuser in Wien

Das TrIIIple in Wiens 3. Bezirk, Stadtteil Erdberg, das 2021 eröffnet wurde, gehört zu den größten Bauprojekten Wiens. In drei Wohntürmen, zwischen 115 und 120 Meter hoch, entstanden zahlreiche Wohnungen, unter anderem Micro-Appartements für Studierende und Young Professionals. In der Sockelzone sind Büro- und Gewerbeflächen untergebracht.

Das Peak Vienna, auch Florido Tower, mit einer Höhe von 113 Metern, wurde 2001 eröffnet. Das Bürohochhaus liegt in Wiens 21. Bezirk nördlich der Donau.

DC Tower 3, der dritte im Bunde mit DC Tower 1 und 2, ein Studentenheim, das auf 110 Metern Höhe mehr als 800 Appartements für Studierende und Young Professionals bietet.

Eine Besonderheit ist das HoHo in der Seestadt Aspern / Wien – das weltweit erste Holzhochhaus. 24 Etagen verteilen sich auf 84 Meter Höhe, die Räumlichkeiten werden gewerblich genutzt. PlanRadar war beim Bau des HoHo übrigens maßgeblich beteiligt.

HoHo, Seestadt Aspern, Wien

In Bau befindliche Höhenflüge: Neue Hochhäuser in Wien

Vienna Twentytwo: Das im 22. Wiener Bezirk bereits seit 2019 in Bau befindliche Stadtviertel soll bis 2024/25 durch einen 155 Meter hohen Turm komplettiert werden. Das Gebäude wird gemischt genutzt werden. Zusätzlich zu 17 000 Quadratmetern Fläche für Unternehmen sollen auch 350 Wohnungen und 1000 Quadratmeter Geschäftsflächen darin Platz finden.
Weitere Bauteile des Viertels werden gerade fertiggestellt (Stand 2022), unter anderem ein 110 Meter hoher Wohnturm mit 300 Eigentumswohnungen.

DC Tower 2 soll im Verein mit den bereits fertiggestellten Gebäuden DC Tower 1 und DC Tower 3 in der Donau City ein Dreier-Ensemble bilden. DC Tower 2 ist für gemischte Nutzung vorgesehen: Büros, Shops und Gastronomieflächen sind geplant sowie die Errichtung von etwa 300 Wohnungen. Neben seinem “Bruder”, DC Tower 1, der 250 Meter in den Himmel ragt, wird DC Tower 2 trotz seiner Höhe von 180 Metern eher klein wirken.

Das Für und Wider für Hochhäuser und Wolkenkratzer in Österreich: Kühle Argumente und heiße Emotionen

Geplante Hochhäuser lassen in Österreich weiterhin die Emotionen hochkochen und sorgen für heftige Diskussionen.
Wo liegen die Gründe dafür, wo die dagegen?

Befürworter bringen folgende Argumente ins Rennen:

  • Platzsparend: Durch Etagen übereinander wird weniger Platz verbaut, damit auch weniger Grund mit Beton versiegelt – unter anderem ist dies auch ein Umweltschutz-Argument. Das Platzspar-Argument betrifft jedoch nicht nur den weniger verbauten Grund, sondern auch die Bereitstellung zahlreicher Wohnungen und Büroräumlichkeiten, die auf diese Weise angeboten werden können.
  • weniger Verkehrsaufkommen durch kurze Wege, da auf ausreichend ausgebaute Infrastruktur im städtischen Bereich geachtet wird
  • moderne Ästhetik, die sich auch mit historisch Gewachsenem verträgt, die unterschiedlichen Stile sogar voneinander profitieren und interessante Akzente setzen können
  • Hochhäuser und Wolkenkratzer, die auch als Skyline “designt” sind, geben der Stadt ein Flair von Großzügigkeit und moderner Urbanität.
  • von den höheren Stockwerken aus ein ganz neues Wohngefühl: Überblick gepaart mit Geborgenheit, ein Zusammenspiel wichtiger menschlicher Bedürfnisse

Gegner bringen diese Ansichten in die Diskussion ein:

  • Assoziationen zu sozialen Brennpunkten und Kriminalität einerseits, zu Luxuswohnungen und Penthouses für Superreiche andererseits
  • leerstehende Wohnungen als Spekulationsobjekte
  • Erinnerungen an Plattenbauten des ehemaligen Ostblocks
  • passen nicht zu historischen Bauten
  • wirken bedrohlich und / oder plump
  • Anonymität, weil zu viele Menschen darin wohnen oder arbeiten
  • Stadtbild verändert sich auf sehr lange Dauer signifikant

Lösungsvorschläge der Stadtplaner

  • soziale Durchmischung der Bewohner:innen oder darin mietender Firmen und Büros
  • … daher sollen neben hochpreisigen auch günstige Wohnungen und Arbeitsflächen angeboten werden
  • Sockelbereich von Hochhäusern öffentlich nutzbar und zugänglich machen durch kommunale und gemeinnützige Einrichtungen
  • großzügig ausgebaute Zonen, die Begegnung ermöglichen sowie Gemeinschaftsräumlichkeiten
  • interdisziplinäre Planung, d.h. Hereinholen von Fachleuten anderer Disziplinen
  • Gestaltung der Fassade soll nicht “abwehrend” oder “bedrohlich” wirken
  • Regelung für Verschattung: Wie lange pro Tag dürfen Hochhaustürme die Umgebung verschatten?
  • Modulbauweise, mittels derer Hochhäuser umgestaltet werden können und nicht für “ewig” gleich aussehen

Warum aber gibt es überhaupt derart heftige Diskussionen bezüglich des Baus von Hochhäusern und Wolkenkratzern in Österreich?

Die “Alte Welt“ Europas vs. die “Neue Welt” der Wolkenkratzer der USA

Die imposanten Wolkenkratzer und Hochhaustürme, die vor mehr als hundert Jahren in vielen Städten der USA entstanden, allen voran in New York, erregten einerseits Staunen und Bewunderung, andererseits konnte man sich in Europa mit dem Gedanken riesiger Gebäude neben schmalen alten Bürgerhäusern, ehrwürdigen sakralen Bauten und maximal vierstöckigen Wohnhäusern nicht anfreunden.

Die Idee eines “Sowohl – als auch”, eines Neben- und Miteinander von historisch Gewachsenem und neu Geschaffenem, wurde als ästhetisch unbefriedigend empfunden und zudem als unnötig, da aufgrund der demografische Entwicklung die Schaffung zusätzlichen städtischen Wohn- und Arbeitsraums (noch) nicht unter den Nägeln brannte.
Hochhäuser empfand man als eine Angelegenheit der “Neuen Welt”, für die “Alte Welt” mit ihren über Jahrhunderte gewachsenen Städten kamen sie nicht infrage. Sie wurden als “technisch”, “kalt” und “seelenlos” empfunden.

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs machte man sich in Europa an den Wiederaufbau. Vieles wurde sachgerecht und sorgsam wiederhergestellt, andere Stadtplaner gingen dagegen eher rigoros an die Herausforderungen der Neugestaltung heran: “Altes raus, Neues rein!“ war die Devise. Man nahm wenig Rücksicht auf Erhaltenswertes, vieles fiel der Abrissbirne zum Opfer, um Platz für vermeintlich Besseres zu schaffen. 

Brüssel gilt dabei als besonders abschreckendes Beispiel – nicht umsonst ist seither „Brüsselisierung“ der Ausdruck für rücksichts- und gedankenloses Modernisieren. Gesichtslose Gebäude in unpassenden Dimensionen entstanden an der Stelle alter Häuser in historischen Vierteln und veränderten das Stadtbild in unerwünschter Weise. Proteste, selbst von renommierten Architekten und betroffenen Anrainern, wurden übergangen.

Dieses Vorgehen erntete schließlich viel Kritik. In der Folge erließ man eine Reihe von Vorschriften, die seither das Miteinander von Altem und Neuem regeln sollen. Der Einspruch von Verwaltungen betroffener Gebiete wurde ebenso ermöglicht wie die Widmung erhaltenswerter Strukturen zum Kulturerbe.

Diesem Beispiel folgten viele Länder Europas, was andererseits jedoch dazu führte, dass so manches Hochhaus-Projekt nicht realisiert werden konnte und man allgemein Vorbehalte sowohl ästhetischer wie auch weltanschaulicher Natur entwickelte: “Alte Welt” vs. “Neue Welt” war noch lange Zeit ein Thema.

Außenseiter am Stadtrand: Hochhäuser in Wien in den 60er und 70er Jahren

Die stadtplanerische Regelung, historische Ortskerne und Ensembles zu schützen, hatte zur Folge, dass Hochhäuser in Wien vor allem in den weitläufigen Außenbezirken nördlich der Donau ihren Platz fanden. Die Gebäude wurden teilweise regellos in die urbane Landschaft Wiens gestellt, jedes Projekt unabhängig von anderen Projekten genehmigt, da es kein zusammenhängendes Konzept dahinter gab.

Mit der Planung und Erbauung des Vienna International Center (“UNO-City”), damals mit 127 Metern die höchsten Gebäude Österreichs, kehrte ein Umdenken ein, das sich um eine Gesamtschau bei der Planung von Hochhausvierteln bemühte. Es wurde nicht mehr einzeln geplant, genehmigt und gebaut, sondern ein Gesamtkonzept entwickelt, das sich darin zeigte, dass gezielt Flächen für den Bau von Hochhäusern in Wien zugelassen und Erschließungsqualitäten definiert wurden. 

Um einem wild wuchernden Bauboom prophylaktisch entgegenzutreten, wurden in dieses Gesamtkonzept auch Richtlinien integriert, die nicht nur erhaltenswerte Bauwerke und Grünflächen berücksichtigen sollen, sondern auch den Schutz landschaftlicher Gegebenheiten.

Zum Leidwesen vieler Hochhaus-Kritiker:innen wurden diese Bestimmungen teilweise sehr vage gehalten und schließen beispielsweise die Wiener Innenstadt nicht aus: Es wird nur sehr unbestimmt “erhöhte Aufmerksamkeit” empfohlen.

Von der gesichtslosen Fassade zum edlen Design der Hochhäuser

Wenn man sich in den Großstädten der Welt umsieht, so ist schon seit langem Schluss mit langweiligen und ideenlosen Hochhaus-Fassaden, deren Aussehen auf falsch verstandener Sachlichkeit, aber auch auf nicht so üppig fließenden finanziellen Mitteln beruhte. 

Heute bemühen sich namhafte Architekten und Architektinnen und Designer:innen um Konstruktionen, die elegant, futuristisch und manchmal fast schwerelos wirken, eingebettet in eine Skyline, deren Aussehen man nicht mehr dem Zufall überlässt. So wird dem unmissverständlich sich abzeichnenden Trend zur zunehmenden Urbanisierung Rechnung getragen – denn daran geht kein Weg vorbei: Die Weltbevölkerung wächst ebenso wie der Zuzug in die Städte. Man rechnet damit, dass bereits 2030 mehr als die Hälfte der Menschen in Städten leben wird. Der Bedarf an passenden städtischen Büro- und Wohnflächen steigt.

LESETIPP: Urbanisierung: Atlanta sollte mehr wie Barcelona sein

Auch Österreich, und hier besonders Wien als derzeit wieder wachsende Großstadt, öffnet sich zunehmend der Idee, Wohn- und Büroflächen elegant, stylisch und platzsparend in die Vertikale zu verlagern.

Wohnen in der Zukunft

Erkenntnisse aus der Recherche von PlanRadar zu Gebäuden der Zukunft

Wie sieht die Zukunft für Hochhäuser in Österreich aus?

Die demografische Entwicklung macht die zunehmende Akzeptanz von Hochhäusern in Österreich nötig – sinnvollerweise kann nur so der Bedarf an Wohn- und Arbeitsräumen abgefangen werden. Andernfalls droht Zersiedelung rund um die Städte – und damit Zerstörung von Grünland und Erholungsraum, ganz abgesehen von Nahverkehrsproblemen, die dadurch entstehen sowie der Notwendigkeit zur Erschaffung neuer Infrastruktur, für die wiederum Flächen versiegelt werden müssen.
Argumente, denen man sich auf lange Sicht nur schwer verschließen wird können.

LESETIPP: Herausforderungen und Prognosen für die Baubranche im Jahr 2023

An der wahren Liebe des Österreichers zu Wolkenkratzern und himmelhohen Gebäuden wird man allerdings noch etwas feilen müssen.

Bleibt noch, die anfangs gestellte Frage zu beantworten: Steht Burj Khalifa bald in Wien?
Sagen wir mal so: Noch nicht. Aber Österreich arbeitet daran!