Die Bauwirtschaft in Österreich hat sich 2022 deutlich eingebremst. Wir analysieren die aktuelle Lage und zeigen wie stark steigende Baustoffpreise, Personalmangel, sowie die Stagnation der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sich auf das Baugewerbe auswirken. Abschließend wagen wir auch einen Blick auf die kommenden Jahre.

Bauwirtschaft in Österreich 2022 - Der Ausblick

DIE BAUWIRTSCHAFT IN ÖSTERREICH 2022: GRÜNDE FÜR TRÜBE AUSSICHTEN

Das Jahr 2022 hat für den Bausektor zunächst vielversprechend begonnen: Der gegen Ende des Vorjahres bestehende hohe Auftragsbestand hat im ersten Quartal erwartungsgemäß für eine gute Auslastung gesorgt.1. Anhaltender Arbeitskräftemangel

Vor allem der anhaltende Arbeitskräftemangel sorgte dafür, dass die guten Vorzeichen für das Jahr 2022 im Bauwesen nicht optimal verwertet werden konnten. Die Branche beklagte dadurch schon im Vorjahr weitaus mehr Aufträge, als abgewickelt werden konnten.

Diese herausfordernde Situation hängt mit langjährigen Entwicklungen zusammen: Der guten Auftragslage wirken die seit Jahren ungenügend verfügbaren Ausbildungsplätze entgegen. Auch zu geringe Möglichkeiten für Frauen, in der Baubranche Fuß zu fassen, spielen hierbei eine Rolle. Diese Umstände führen dazu, dass Belegschaften zusehends überaltern, während nur wenige Jobs von Jüngeren nachbesetzt werden können.

Um diese Entwicklung entgegenzuwirken, haben AMS, Wirtschaftskammer, Land und GBH zwar die Initiative “Bau packt an” ins Leben gerufen, eine groß angelegte Aus- und Weiterbildungsoffensive gegen den Fachkräftemangel. Bis diese greifen, werden aber wohl noch einige Jahre vergehen.

2. Preissteigerungen und Lieferengpässe bei Baumaterialien

Ein weiterer Faktor, der die Situation im Bausektor erschwert, sind Lieferengpässe, sowie starke Preissteigerungen bei Baumaterialien in Österreich. Es handelt sich hierbei um ein Problem, dass bereits seit Mitte 2021 anhält. Ihren Ausgang nahm diese Situation durch pandemiebedingte Produktionsausfälle und Verzögerungen in der globalen Logistik.

Verstärkend wirkt hierbei nun auch die starke Inflation, welche einer expansiven Geldpolitik durch die Zentralbanken ebenso geschuldet ist, wie der Preisexplosion bei Gas und Öl durch den Ukraine-Krieg.

3. Gewerbe-Bauwesen leidet an veränderten Arbeitsgewohnheiten

Zu einer Verlangsamung des Wachstums in der gewerblichen Bauindustrie trägt nicht zuletzt auch die neue Situation rund um den Trend zum Homeoffice bei. Seit der Coronapandemie setzen viele Unternehmen nach wie vor verstärkt darauf, Mitarbeiter außerhalb des Büros zu beschäftigen. Dies führt letztlich dazu, dass die Nachfrage nach Büroflächen stagniert.

4. Wohnimmobilienmarkt potenziell überhitzt

Auch das hohe Preisniveau am Wohnimmobilienmarkt trägt zu einer Dämpfung der Nachfrage nach neuen Projekten bei. Nach einem weiteren Jahr stark steigender Immobilienpreise (österreichweit stiegen die Preise im vierten Quartal 2021 um 12,6 Prozent), gehen viele Experten von einer baldigen Überhitzung des Marktes aus. Dies macht auch die Investition in Neubauten weniger attraktiv, wodurch man von sinkenden Zahlen bei den Baubewilligungen Jahr 2022 ausgehen muss – eine Tendenz, welche bereits im Jahr 2021 zu beobachten war.

Zudem geht die Zahl der Ein-Personen-Haushalte weiter zurück. Setzt sich dieser Trend fort, wird die Anzahl dieser Haushalte in Zukunft nur mehr unter 1 Prozent pro Jahr wachsen, nachdem bis zuletzt 1,5 Prozent Wachstum pro Jahr verzeichnete.

5. Hochbau-Sanierungsleistungen mit positivem Trend

Im Bereich der Neubauten ist also nicht unbedingt von einer baldigen Trendumkehr im Bausektor zu rechnen. Wesentlich interessanter erscheinen in dieser Hinsicht Sanierungsleistungen. Immerhin wird der Bereich Gebäudesanierung eine maßgebliche Rolle dabei spielen, Treibhausgasemissionen zu senken. 8 Millionen Tonnen CO₂, das sind 10 Prozent aller Treibhausgasemissionen in Österreich, werden in Gebäuden freigesetzt. Heizung, Kühlung und Warmwasserbereitung sind also ein wichtiger Klimafaktor.

Das Emissionsziel, zu welchem sich die österreichische Bundesregierung verpflichtet hat, sollte natürlich auch in diesem Bereich erreicht werden. Angesichts dessen wurden die Fördermittel für die Sanierung von Haupt- und Nebenwohnsitz von 600 Millionen Euro auf zumindest eine Milliarde Euro pro Jahr deutlich erhöht. Diese Maßnahmen werden einen positiven Effekt auf die Baubranche haben, und somit der allgemein schwierigen Situation entgegensteuern helfen.

Hierbei könnte es sich übrigens um einen langfristigen Wachstumsfaktor handeln. Das Umweltbundesamt hat das Investitionspotenzial der thermischen Verbesserungen aller Gebäude in Österreich bis zum Jahr 2030 mit wenigstens 29, bis hin zu 48 Milliarden Euro beziffert.

6. Sparstift im öffentlichen Sektor wirkt sich 2022 negativ auf die Bauwirtschaft in Österreich aus

Weniger vielversprechend sieht die Situation im öffentlichen Bausektor aus. Ganz im Gegenteil: Im Jahr 2022 in diesem Bereich für die österreichische Bauwirtschaft kaum Impulse zu erwarten, denn die Investitionsausgaben der BIG wurden für das Jahr 2022 um 11 Prozent gekürzt.

7. Ukraine-Krieg und Wirtschaftsabschwung

Einer der wichtigsten Faktoren des abschwingenden Konjunktur im Bausektor ist der Einfluss des Ukraine-Krieges. Er führt zu stark steigenden Preisen und Lieferproblemen bei wichtigen Roh- und Baustoffen, sowie der Energiepreise.

Die Situation rund um die Baustoffe ist zwar bereits seit dem Jahr 2021 angespannt. Seit Ausbruch des Kriegs mangelt es jedoch umso mehr an wichtigen Baustoffen wie Stahl, Holz, Beton und auch Dämmstoffen sowie Kunststofferzeugnissen.

FAZI ZUR BAUWIRTSCHAFT IN ÖSTERREICH 2022 – WACHSTUM DES VORJAHRES AUSSER REINWEITE

In Anbetracht der oben genannten Faktoren erscheint es nahezu unmöglich, dass der Umsatz im österreichischen Baugewerbe im Jahr 2022 jenen des Jahres 2021 von 53,3 Milliarden Euro deutlich übertreffen wird. Viel eher ist von einem verringerten Wachstum auszugehen.

Das Österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) stützt diese Annahme, und hat zuletzt die Prognose für die heimische Bauproduktion deutlich nach unten revidiert. Während man im Jahr 2021 im Hoch- und Tiefbau insgesamt noch ein beachtliches Wachstum von 5,4 Prozent verzeichnen konnte, wird für das Jahr 2022 nur noch mit einem Wachstum von 2,6 Prozent gerechnet. Im Jahr 2023 soll das Wachstum weiter schrumpfen – 1,9 Prozent soll dann das magere Ergebnis sein.

Der Markt ist zudem immer schwieriger berechenbar, was die Planungsunsicherheit vergrößert. Preise sind kaum noch kalkulierbar, da diese in immer geringeren Abständen angepasst werden, wie der österreichische Baumeisterverband ÖBV betont. Die bis zuletzt noch üblichen Fixpreise, könnten schon bald der Vergangenheit angehören und durch indexbasierte Vergütungsmodelle ersetzt werden. Dies hat zwar den Vorteil, dass keine Risikozuschläge mehr eingepreist werden müssten, die schwierige Berechenbarkeit der Preise von Bauprojekten insgesamt wäre der zukünftigen Entwicklung der Branche jedoch nicht förderlich.
Bauwirtschaft vor schwierigen Jahren

Die rund 40.000 Unternehmen im österreichischen Baugewerbe müssen in den kommenden Jahren von einer geschwächten Entwicklung ausgehen. Die Zahl der Beschäftigten im Baugewerbe wird jedoch weniger zu leiden haben, da bereits jetzt ein akuter Personalmangel besteht, der in Zukunft durch öffentliche Initiativen, sowie einem sich ändernden Marktumfeld kompensiert werden könnte.

Insgesamt muss man sagen, dass die wirtschaftliche Lage dazu führt, dass die österreichische Baukonjunktur im Jahr 2022 etwas eingebremst wird. Die wichtigsten Gründe hierfür sind steigende Preise, ein sich abschwächendes Wirtschaftswachstum, Lieferprobleme, Baustoffmangel und ein Arbeitskräftemangel.