Frauen in der Architektur: Aktuelle Entwicklungen

Frauen in der Architektur sind heute keine Seltenheit mehr. Tatsächlich studieren heute sogar mehr Frauen Architektur als Männer. Auf den Baustellen und in Architekturbüros dominieren jedoch noch immer letztere. Trotz der steigenden Anzahl an Architekturstudentinnen an deutschen Universitäten bleiben Frauen in der Berufspraxis unterrepräsentiert, da der Berufsalltag weiterhin an starke traditionelle, als “männlich“ kodierte Werte gebunden ist. Darüber hinaus stellt vor allem die mangelnde Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Problem für Frauen in der Architektur dar. In folgendem Beitrag erfahren Sie, mit welchen Herausforderungen Frauen in der Architektur im 21. Jahrhundert nach wie vor zu kämpfen haben, welche Chancen die Architektur für sich nutzen könnte und welche Architektinnen neben Zaha Hadid bislang unter das Radar gefallen sind.


Frauen in der Architektur müssen mit Vorurteilen kämpfen

Fehlende weibliche Vorbilder? Von wegen!

Obwohl Architektur lange Zeit Männern vorbehalten war, haben Frauen in der Architekturgeschichte bis heute bewiesen, dass sie sich nicht hinter ihren männlichen Kollegen zu verstecken brauchen. Ein frühes Beispiel ist die Österreicherin Margarete Schütte-Lihotzky. Sie entwarf zum Beispiel die sogenannte „Frankfurter Küche“ für den sozialen Wohnungsbau in Frankfurt und war somit eine der wenigen Frauen, die um 1925 in der Architektur aktiv tätig waren. Zur selben Zeit studierte Lilly Reich mit Mies van der Rohe in Stuttgart, sowie Marlene Moeschke-Poelzig, die später Hans Poelzig heiratete.

Auch die deutschen Architektinnnen lse Oppler-Legband, Iris Dullin-Grund und Lucy Hillebrand zählen zu den gängigsten Namen innerhalb der Architekturgeschichte. Heutzutage sind es vor allem Bauwerke von der Irakerin Zaha Hadid und der Japanerin Kazuyo Sejima, die zusammen mit Ryue Nishizawa das Büro SANAA in Japan leitet, die als weltweit Maßstäbe setzen. Um traditionelle Geschlechtergrenzen zu sprengen, liefern auch Büropartnerschaften mit Männern einen förderlichen Rahmen für Architektinnen. Zu den bekannten Beispielen zählen hier die niederländische Architektin Nathalie de Vries von MVRDV oder die Belgierin Christine Conix von CONIX RDBM.

Frauen in der Architektur: Das sagt die Statistik

Die Ausbildungssituation und ihre Entwicklung an deutschen Universitäten und Hochschulen malt prinzipiell ein positives Bild: Seit den 1970er Jahren steigt die Anzahl der Architekturstudierenden kontinuierlich an. Lag die Zahl 1973 noch bei rund 17.000 Studierenden, mit einem Frauenanteil von circa 17 Prozent, so kann 1997 ein Hoch von fast 50.000 Studierenden, mit einem Frauenanteil von fast 44 Prozent, errechnet werden. 2006 wird sogar erstmals die Parität zwischen Frauen und Männern erreicht, der Anteil an den Architekturstudiengängen in Deutschland wirkt nahezu ausgeglichen. 2016 beträgt der Frauenanteil im Architekturstudium sogar 58 Prozent. Zumindest die Statistik zeichnet somit ein erfreuliches Bild zu Frauen in der Architektur.

Doch ein Blick auf die Zahlen in der Berufspraxis wirft Fragen auf. Denn der hohe Anteil an Absolventinnen spiegelt sich weder in Führungspositionen noch im akademischen Bereich wider. Auch unter den zwanzig wichtigsten Architekturfirmen in Deutschland findet sich kein Büro, das von einer Frau oder einem Team aus Frauen geführt wird. Laut dem deutschen Statistik-Portal Statista betrug der Anteil der männlichen Architekten und Stadtplaner Anfang 2018 rund 66 Prozent. Zudem belegt eine Statistik der The Architectural Review, dass Frauen in Vollzeit in Architekturbüros bei gleicher Leistung im Schnitt 30 Prozent weniger verdienen als die männliche Kollegschaft. Auch Teilzeit ist nicht immer die Lösung: Rund 40 Prozent der Architektinnen arbeiten in Teilzeit, während es bei den männlichen Kollegen nur 12 Prozent sind. Viele Architektinnen verzichten daher zugunsten der Familie oftmals zur Gänze auf die Ausübung ihres Berufs, während männliche Architekten umgekehrt eher bei der Familienzeit Abstriche zugunsten des Arbeitslebens machen.

Frauen in der Architektur kämpfen noch immer mit Klischees

Trotz einer verzeichneten, hohen Dichte an studierten Architektinnen fällt der praktizierende Frauenanteil auch im europäischen Ländervergleich eher gering aus: Die skandinavischen Länder, die ohnehin für ihre vorbildliche Familienpolitik und hohe Frauenerwerbsquote bekannt sind, liegen mit einem Frauenanteile von 44 bis 51 Prozent in der Vorreiterposition. Obwohl Frankreich als ein Land gilt, in dem Frauen Kinder und Beruf besonders gut vereinbaren können, machen Frauen in der Architektur hier nur ein Drittel aller Beschäftigten aus. Auffällig ist auch, dass Länder, in denen es wenig staatliche Unterstützung für Kinderbetreuung gibt – wie Griechenland, Bulgarien oder Kroatien – im Verhältnis die meisten Architektinnen vorweisen können. In Hinblick auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergibt sich in Europa also kein einheitliches Bild.

„Gut Ding will eben Weile haben, und wesentlich wird auch sein, daß der Geist der Frau zur Sprache kommt, die sein will, was sie ist, und nicht scheinen will, was sie nicht ist.“
– Lilly Reich, Innenarchitektin und Designerin, 1922

Trotz voranschreitender Modernisierung sind im Berufsalltag immer noch geschlechtsspezifische Aufgabenverteilungen vorhanden. Das könnte daran liegen, dass es nach wie vor zu geschlechtlichen Zuweisungen kommt, indem Kompetenzen in “weibliche“ und “männliche“ Eigenschaften unterteilt und den Geschlechtern zugeordnet werden: Männern wird beispielsweise der Umgang mit Zahlen und Fragen zu Statik, Finanzen und Technik zugetraut. Dem gegenüber wird Frauen in der Architektur ein stärkerer Fokus auf Schöne und Ästhetische nachgesagt. „Die traditionelle Annahme, Architektinnen seien am besten für das Entwerfen von Wohnhäusern und für Innengestaltung geeignet, ist Ausdruck ihres niedrigen Status im Beruf und nicht einer spezifisch weiblichen Eigenart“, sagt Christina Schumacher, Dozentin für Soziologie im Departement Architektur an der ETH Zürich. Dadurch passiert es auch häufig, dass Frauen, die sich als „Architektinnen“ vorstellen für „Innenarchitektinnen“ gehalten werden.

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Dies führt zu mehreren Trugschlüssen: Architektinnen könnten demnach nur erfolgreich sein, wenn sie “männliche“ Attribute wie Härte im Auftreten, lautes Sprechen, kräftiger Händedruck etc. verkörpern, und Männern unterstellt man, dass sie nicht im Stande seien ästhetisch und stilvoll zu arbeiten. Da “männlich“ konnotierte Eigenschaften zudem eine Aufwertung erfahren, während “weibliche“ Kompetenzen abgewertet und als Schwäche interpretiert werden, arbeitet dieses Verfahren gegen die Chancengleichheit. Das ist insofern relevant, da jene Unterscheidungen bei Bewerbungen vor allem für Führungspositionen von großer Bedeutung sind.

Eine Untersuchung der Universität Siegen ergab zum Beispiel, dass Frauen einen erschwerten Zugang zu führenden Positionen wie der Bauleitung hätten, da die aufgelisteten Kompetenzen vorrangig aus “männlich“ beschriebenen Fähigkeiten bestehen. So entsteht in Summe ein Berufsbild, das sich an Bildern von Männlichkeit orientiert und Männern einen exklusiven Vorteil verschafft. Es scheint zudem, dass Architektinnen bereits in der Einstellungsphase durch ihr Frau-Sein schlechter gestellt sind, da sie wegen eines potenziellen Ausfalls durch Schwangerschaft oder Elternzeit als Bewerberinnen oftmals früher ausscheiden. Im Übrigen sind auch viele Architekten Väter und sollten in die Lösung der Kinderbetreuungsfrage integriert werden.

Frauen in der Architektur: Tief verwurzelte Probleme

Behörden zeigen den Weg vor

Dieses Ungleichgewicht in der Architektur lässt schließlich zwei Deutungen zu:

1) Es gibt mehr Männer als Frauen im Architekturberuf, Frauen sind im Verhältnis also untervertreten. Fazit: Architektur ist ein Männerberuf.

2) Es gibt mehr Frauen als Männer, die einen Abschluss in Architektur (Diplom, Master etc.) besitzen und trotzdem nicht als Architektin tätig sind. Das würde bedeuten, dass Frauen an der Gesamtheit der diplomierten Architekten und Architektinnen im Beruf unterrepräsentiert sind.

Alle Faktoren führen schließlich in der Praxis dazu, dass Frauen in der Architektur häufig in Hilfstätigkeiten oder Assistenzstellen gedrängt werden. So ist es oftmals der Beruf in Baubehörden und -ämtern, der vielen Frauen einen geeigneteren Rahmen von Sicherheit und Zeitmanagement gewährt. Ein Grund hierfür könnte auch in den besseren Organisationsstrukturen wie geregelte Arbeitszeiten, Möglichkeit zur Gleitzeit und ein erleichterter Wiedereinstieg nach der Elternkarenz liegen. Dies führt zu der Frage, inwiefern diese Strukturen der Baubehörden auch auf Architekturbüros abfärben könnten.

Fazit

Inzwischen gibt es zwar mehr Architekturstudentinnen als -studenten, dennoch ist jeder fünfte selbstständige Architekt weiblich und verdient ein ganzes Drittel weniger als der männliche Kollege. Statistisch gesehen, sind zudem ca. 30 Prozent aller in der Architektur arbeitenden Menschen weiblich und nur 10 Prozent der größeren Architekturbüros werden von Frauen geleitet. Die Chancen für Frauen eine berufliche Karriere im Baugewerbe anzustreben sind zwar seit 1900 gewachsen, dennoch gilt es weiterhin einige Lücken zu schließen, um wirklich von Chancengleichheit reden zu können. Architekturbüros und Unternehmen müssen dafür geeignetere Rahmenbedingungen für weibliche Fachkräfte schaffen. Dazu zählt auch mehr Offenheit für die beruflichen wie familiären Belange der Frauen in der Architektur. Es scheint, dass gerade unter den vorherrschenden Arbeitsbedingungen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch die zeitintensiven Projekte für Frauen problematisch ist, und dass Architektur nach wie vor als “Männerberuf“ gilt.

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