Die Schweizer Baulandschaft ist zwar nach wie vor vom männlichen Geschlecht dominiert, in der Architekturbranche allerdings ist der Frauenanteil höher als in kaum einem anderen Teilgebiet des Bauens – Tendenz steigend. In der Berufspraxis sind zwar noch die meisten Angestellten männlich, allerdings werden die Statistiken stark durch die Babyboomer-Generation geprägt, welche in den nächsten Jahren das Pensionsalter erreichen wird. Vor allem der Nachwuchs ist hingegen zunehmend weiblich; in vielen Architekturstudiengängen an Schweizer Unis und Fachhochschulen, sind die Frauen bereits in Überzahl. Dennoch bestehen weiterhin grundlegende Probleme, welche dazu führen, dass viele Frauen die Architekturbranche verlassen, bzw. sich gar nie erst für eine Karriere in der Architektur entschieden. Mit welchen Problemen Frauen in der Architektur in der Schweiz des 21. Jahrhunderts zu kämpfen haben und welche Chance Architektinnen bieten, erfahren Sie in diesem Beitrag.


Frauen in der Architektur in der Schweiz sind am Vormarsch

Viele Vorbilder

Ein Blick auf die erfolgreichsten und bekanntesten Architekten der letzten 500 Jahre zeigt; die absolute Mehrheit ist männlich. Trotzdem gab es auch früher einige prominente Architektinnen. Ein Beispiel ist etwa die Österreicherin Margarete Schütte-Lihotzky, welche anfangs des 20. Jahrhunderts mit der „Frankfurter Küche“ den Urtyp der modernen Einbauküche entwarf. Auch die deutschen Architektinnen lse Oppler-Legband, Iris Dullin-Grund und Lucy Hillebrand zählen zu den gängigsten Namen innerhalb der Architekturgeschichte.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Architekturbranche vielen Frauen rund um den Globus zugänglicher. Die wohl bekannteste und angesehenste Architektin unserer Zeit ist die Irakerin Zaha Hadid, welche 2016 im Alter von 64 Jahren verstarb. 2004 erhielt sie als erste Frau überhaupt, den Pritzker-Architektur-Preis, die bedeutendste Ehrung in der Architektur. Zu den bekanntesten Bauten, welche Zaha Hadid entwarf, gehören die Sheikh-Zayed-Brücke in Abu Dhabi (VAE), der neue chinesische Hauptstadtflughafen Beijing Daxing International Airport, das Heydar-Aliyev-Center im aserbaidschanischen Baku und die Universitätsbibliothek der Wirtschaftsuniversität Wien.

Seit 2010 ebenfalls Preisträgerin des Pritzker-Architektur-Preises ist die Japanerin Kazuyo Sejima. Sie entwarf unter anderem das New Museum of Contemporary Art in New York, das Rolex Learning Center an der schweizer École Polytechnique Fédérale de Lausanne, und das tokioter Sumida Hokusai Museum.

Frauen in der Architektur in der Schweiz: Die aktuelle Lage

Unter den schweizer Spitzarchitekten finden sich Namen von Koryphäen wie Mario Botta, Charles-Édouard Jeanneret-Gris („Le Corbusier“) oder Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Spitzenarchitektinnen hingegen, trifft man in der Schweiz weniger an. Die bekannteste Schweizer Architektin ist vermutlich Annette Gigon, welche mit ihrem Partner, Mike Guyer das Büro Gigon / Guyer führt. Namhafte Projekte von Gigon / Guyer sind der Prime Tower in Zürich, das Universitätsgebäude Francis Bouygues der pariser Ecole CentraleSupélec, das Archäologisches Museum in Osnabrück und die Fondazione Marguerite Arp in Locarno-Solduno.

In der Schweiz gibt es weniger bekannte Architektinnen als bekannte Architekten. Der Anteil an Frauen, welche den Pritzker-Preis erhalten haben, liegt unter 10 Prozent. Doch sind Frauen auch im Alltagsgeschäft der schweizer Architektur benachteiligt? Es kommt darauf an, wo man hinschaut: Bei Studierenden und Doktoranden, herrscht beinahe ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern – rund 45 Prozent sind weiblich. Mit Blick auf Führungspositionen in der Privatwirtschaft und in der Akademik, werden jedoch deutliche Unterschiede ersichtlich. In diesen Bereichen der Architektur liegt der Frauenanteil in der Schweiz bei rund 15 Prozent. Woran liegt das?
Dass Frauen in Führungspositionen unterqualifiziert sind, ist bei Weitem kein Thema, welches nur die Architektur betrifft. In den meisten Branchen in der Schweiz sind Frauen in Führungsebenen unterrepräsentiert. Die Gründe hierfür sind umstritten und vermutlich in einem Mix aus verschiedenen Erklärungsansätzen begründet. Oft werden folgende Ursachen für den Mangel an Frauen in Führungspositionen genannt:

Vereinbarkeit mit Familie
In vielen Familien in der Schweiz wird nach wie vor das traditionelle Familienbild verfolgt: Der Vater arbeitet Vollzeit, während die Mutter nicht oder nur Teilzeit arbeitet und sich dafür um den Haushalt und um die Kinder kümmert. Kinderbetreuung ist hierzulande kostspielig, weshalb es sich für viele Familien finanziell mehr lohnt, wenn die Mutter zu Hause bleibt und sich selbst um die Erziehung kümmert, statt in einem Unternehmen zu arbeiten und den Nachwuchs in die Kita zu schicken. Zwar hat dieses Familienmodell durchaus auch Vorteile und viele Familien entscheiden sich explizit dafür, doch es hält viele Frauen davon ab ihre Karriere zu verfolgen und aufzusteigen.

Vorurteile und Diskriminierung
Öffentliche Statistiken über geschlechtsspezifische Diskriminierung in der schweizer Architekturbranche gibt es nicht. Allerdings sagt mehr als die Hälfte der bei einer Studie befragten Frauen, dass sie sich in ihrer Karriere schon aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert fühlten. Noch immer gibt es Arbeitgeber, welche Frauen nicht die gleichen Fähigkeiten in Führungspositionen zusprechen und sie systematisch benachteiligen. Vorurteile, Gerüchte, Diskriminierung, Belästigung und eine veraltete Denkweise kann dazu führen, dass Frauen davon abgedrängt werden, Führungspositionen zu erreichen.

„Männlich“ dominierte Managements
Diverse Studien belegen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale in bestimmten Geschlechtern häufiger vorkommen. Auch viele Frauen selbst schätzen sich als kompromissbereiter, empathischer, zurückhaltender und harmonischer ein, als Männer. Beim Streben nach Führungspositionen kann dies jedoch zum Problem werden; die Merkmale Kompetitivität, Sturheit, Risikobereitschaft und Konfliktbereitschaft, sind in Männern tendenziell stärker ausgeprägt. Da viele Führungsebenen männlich geprägt sind, sind “männliche” Merkmale von Vorteil. Dadurch wird der Aufstieg vieler Frauen unnötig erschwert, auch dann, wenn sie deutlich besser qualifiziert sind, als ihre männlichen Kollegen.

Neben dem erschwerten Aufstieg haben Frauen auch in puncto Lohn zu kämpfen; eine Statistik der “Architectural Review“ zeigt international auf, dass Frauen in Vollzeit in Architekturbüros bei gleicher Leistung im Schnitt 30 Prozent weniger verdienen als die männliche Kollegschaft. Auch Teilzeit ist nicht immer die Lösung: Rund 40 Prozent der Architektinnen arbeiten in Teilzeit, während es bei den männlichen Kollegen nur 12 Prozent sind.

Frauen in der Architektur kämpfen auch in der Schweiz mit Klischees

Trotz einer hohen Dichte an studierten Architektinnen fällt der praktizierende Frauenanteil auch im europäischen Ländervergleich eher gering aus:
In den skandinavischen Ländern Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark herrschen in der Architektur Frauenanteile von 44 bis 51 Prozent, was deutlich über dem Schweizer Schnitt von rund 25 Prozent liegt. Auch die Nachbarstaaten Frankreich und Deutschland sind der Schweiz gut zehn Prozent voraus. In der schweizer Gesellschaft hat zwar in den letzten Jahrzehnten ein grundlegendes Umdenken stattgefunden, dennoch sind geschlechtsspezifische Aufgabenverteilungen noch in vielen Betrieben vorhanden.

Christina Schumacher, Dozentin für Soziologie im Departement Architektur an der ETH Zürich, hält fest: „Die traditionelle Annahme, Architektinnen seien am besten für das Entwerfen von Wohnhäusern und für Innengestaltung geeignet, ist Ausdruck ihres niedrigen Status im Beruf und nicht einer spezifisch weiblichen Eigenart.“

Der Mangel an weiblichem Personal ist in der ganzen Baubranche ein Problem. Sowohl Frauen als auch die Tätigkeit des Bauens werden auf Klischees reduziert. Die Stigmatisierung der Frauen und die Stigmatisierung des Baus, sind Klischees, die nicht zusammenpassen. Nach wie vor hat ein grosser Teil der Bevölkerung das Gefühl, Frauen können und sollen nicht auf dem Bau oder in der Baubranche arbeiten. Die Architektur ist zweifelsohne eines der spannendsten Teilbereiche des Bauens und Frauen können sich genauso für die Architektur faszinieren, wie Männer. Allerdings befürchten einige junge Frauen negative Reaktionen aus dem familiären oder dem sozialen Umfeld, wenn sie eine Karriere in der Baubranche einschlagen möchten. Schlussendlich sind toxische Klischees und Vorurteile verantwortlich, dass die Architektur und die Baubranche als Ganzes, vielen Frauen vorenthalten wird.

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Wie kann der Frauenanteil in der Schweizer Architekturbranche erhöht werden?

Der Frauenanteil in der schweizer Architekturbranche steigt an und fast die Hälfte der Berufseinsteigenden und Studierenden ist weiblich. Dennoch sind die Frauen in der Arc>hitektur mit gerade einmal rund 25 Prozent weiterhin krass unterrepräsentiert. Es bestehen verschiedene Lösungsansätze, wie der Frauenanteil erhöht werden könnte. Einige dieser Vorschläge sind umstritten und noch ist nicht zu 100 Prozent bewiesen, was funktioniert und was nicht.

Die Branche für Frauen attraktiver gestalten
Momentan ist die Bau-, bzw. die Architekturbranche von Männern geprägt. Viele Frauen werden vom Gedanken abgeschreckt, den beruflichen Alltag als eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne zu verbringen. Hier ist das Management gefragt. Es muss aktiv zeigen, dass Frauen willkommen sind und dass Frauen genau gleich respektiert werden und die gleichen Chancen erhalten wie die Männer. Um den Worten auch Taten folgen zu lassen, ist es wichtig, ein gesundes Arbeitsklima im Unternehmen aufzubauen, welches frei von Diskriminierung, Missgunst oder Belästigung ist. Sexistische Bemerkungen und Ungleichbehandlung müssen vom HR ernst genommen und untersucht werden.

Interesse früh wecken
Während der Kindheit und der Jugend wird vielen Mädchen beigebracht, was eine „richtige Frau“ ist und wie sich eine solche zu verhalten hat. Interessiert sich ein Mädchen für Autos, Bauklötze oder Bagger, wird dieses Interesse oft von den Bezugspersonen unterbunden. Auch in der Jugend werden viele junge Frauen nicht ernst genommen, wenn sie sich für „Männerberufe“ interessieren. Hier muss entgegengewirkt werden. Mit Ständen der Branche auf Berufsmessen, mit entsprechender Kommunikation auf Social Media und mit einem fortschrittlichen Vorgehen von Branchenverbänden, wird das Interesse von Mädchen und jungen Frauen geweckt und ihnen wird früh klargemacht, dass sie in der Branche willkommen sind.

Abwarten
Die starke Ungleichheit der Geschlechter wird vor allem durch die älteren Generationen verursacht. Die Frauenquote unter Berufseinsteigenden ist jedoch schon nah an der 50 Prozent-Marke. Die ältere Generation wird über die nächsten Jahre in Pension gehen, während eine junge und diverse Generation an Architektinnen und Architekten den Arbeitsmarkt betritt. Es kann daher argumentiert werden, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das Geschlechterverhältnis ausgleicht. Mit dieser Aussage werden aber strukturelle Probleme ausgeblendet.

Frauenquoten einführen
Mit einer staatlich vorgegebenen Frauenquote würde ein Mindestprozentsatz an weiblichen Angestellten festgelegt werden, welchen Unternehmen in Ihrer Belegschaft umsetzen müssen. In Norwegen herrscht für die Baubranche bereits jetzt eine Frauenquote, was dazu führte, dass Norwegen den weltweit höchsten Frauenanteil auf dem Bau erreichte. Quotenregelungen sind jedoch umstritten, da sie den Fachkräftemangel verstärken und den Unternehmen die Entscheidungsfreiheit nehmen, wen sie einstellen möchte. Ausserdem stellt sich die Frage, ob es fair und zielführend ist, wenn Stellen aufgrund des Geschlechts, statt aufgrund von Qualifikationen vergeben werden.

Flexible Arbeitsmodelle und Kinderbetreuung
Viele Frauen stehen spätestens in ihren 30ern vor der Frage, ob sie Karriere machen, oder eine Familie gründen möchten. Auch die Architekturbranche sollte hier dafür sorgen, dass sich Karriere und Familienplanung nicht gegenseitig ausschliessen. Mit flexiblen Arbeitsmodellen oder vergünstigter Kinderbetreuung wird mehr Gleichheit geschaffen.

Weshalb sollten Frauen in der Schweiz eine Architektur-Karriere einschlagen?

Lange wurde es verschlafen, Frauen einen Einstieg in die Architektur zu ermöglichen. Zwar versucht die Branche, dies aufzuholen, doch der Weg ist noch weit. Was ist der Vorteil, wenn Frauen in der Architektur arbeiten?

Die Vorteile für Arbeitgeber

  • In der Schweiz erbringen Frauen im Durchschnitt bessere schulische und akademische Leistungen als Männer. Unternehmen profitieren von gut ausgebildeten Fachkräften, Know-how und neuen Herangehensweisen, wenn sie Frauen einstellen.
  • Eine gemischte Belegschaft lässt den Arbeitgeber moderner und attraktiver wirken.
  • Arbeitgeber können einen wichtigen Beitrag zum Thema Gleichberechtigung in der Schweiz leisten, wenn sie beide Geschlechter gleich behandeln.
  • Mit der Pension der Babyboomer-Generation beginnt sich ein Fachkräftemangel abzuzeichnen. Frauen ersetzen dabei ihre älteren Kollegen.


Die Vorteile für Architektinnen

Nicht nur aus Sicht der Unternehmen, sondern auch die Frauen selbst profitieren, wenn sie eine Karriere im Schweizer Architekturwesen einschlagen.

  • Als Frau im Architekturwesen gehören Sie zu einer neuen Generation von Architektinnen, welche so viele Chancen haben, wie noch keine Generation davor.
  • Architektinnen können mit ihrer Arbeitsweise daran mitwirken, die Stereotypen und Klischees gegen sie zu widerlegen.
  • Vielen Unternehmen haben gemerkt, wie wichtig eine ausgewogene Belegschaft ist. Einige Arbeitgeber sprechen daher gezielt Frauen an und bieten vorbildliche Konditionen.


Fazit

In der Schweiz sind Architektinnen noch in der Minderheit. Zwar beginnt sich die Situation zu verbessern, es gibt allerdings noch viel zu tun. Strukturelle Probleme und fehlende Vorbilder machten es Frauen nicht einfach, in der Architektur Fuss zu fassen. Zumindest das Problem der fehlenden Vorbilder ist mittlerweile behoben. Architektinnen wie Zaha Hadid, Kazuyo Sejima oder Annette Gigon zeigen, dass auch Frauen erfolgreiche Architektinnen sein können. Dennoch sind Spitzenarchitektinnen und Architektinnen in Führungspositionen in der Schweiz weiterhin rar gesät. Die Gründe hierfür sind umstritten, die Vereinbarkeit mit der Familie, Diskriminierung und geschlechtsspezifische Unterschiede könnten aber verantwortlich sein. Frauen in der Architekturbranche kämpfen weiterhin mit Klischees und Stigmatisierung. Dies kann dazu führen, dass sie die Branchen verlassen oder gar nicht erst betreten. Vorschläge, diese Probleme zu beheben und den Frauenanteil zu erhöhen, gibt es viele. Manche Vorschläge sind jedoch umstritten und die Wirkung ist nicht immer belegt. Dennoch hat die Branche selbst erkannt, dass sie aktiv werden muss und auch viele Frauen entdeckten in letzter Zeit, das Potenzial, welches die Architektur ihnen bietet.