Tropische Architektur – Die Kobra bleibt draußen

Südostasien – diese Region steht nicht nur für Backpacking, Palmen und scharfes Essen, sondern auch für eine fremde Baukultur. Das Planen und Bauen von Gebäuden in Ländern wie Thailand oder Indonesien verläuft oft ganz anders, als Fachleute aus Mitteleuropa es kennen oder erwarten – und das hält so einige Überraschungen bereit.

Warum das so ist, wieso westliche Bauleiter manches Mal das pure Entsetzen packt und was das alles mit Giftschlangen zu tun hat, erfahren Sie in diesem Artikel.


Hausbau in Südostasien

Boom

Die südostasiatischen Länder – also Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Osttimor, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam – erleben seit den 1980er Jahren einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser Prozess verläuft aber nicht überall gleich und mit derselben Geschwindigkeit. In den letzten Jahren hat jedoch ein regelrechter Boom eingesetzt, was auch an chinesischem Kapital liegt, das in die örtlichen Immobilienmärkte fließt. Neben Chinas „One Belt, One Road“-Initiative trägt dazu auch das gestiegene Interesse von Investoren aus dem Rest der Welt bei. 2018 flossen ausländische Investitionen von 8 Milliarden Dollar in die Immobilien Südostasiens. Ein Grund dafür sind die im weltweiten Vergleich günstigen Büromieten. So kostet ein Quadratmeter Bürofläche im vietnamesischen Ho-Chi-Minh nur 14% dessen, was in New York verlangt wird.

Glaspaläste und Bauruinen

Diese Entwicklung brachte aber nicht nur wachsende Prosperität, sondern auch einen Wandel der Wohn- und Lebensverhältnisse mit sich. Vor allem in den größeren Städten hatte das oft die Verdrängung der angestammten Bevölkerung aus den zentralen Bezirken zur Folge. Im Zusammenspiel mit einem raschen Bevölkerungswachstum und dem Zuzug aus ärmeren Landregionen kam und kommt es an den Stadträndern häufig zu ungeplantem Wildwuchs ohne Kontrolle. Das Ergebnis sind sehr heterogene Stadtgebiete, in denen Wohnhäuser, Werkstätten, Landwirtschaft und produzierende Betriebe direkt aneinandergrenzen.

Anders ist das Bild in den Innenstädten, wo sich Banken, Hotelketten und international agierende Unternehmen in Türmen aus Glas und Beton eingerichtet haben. In den Toplagen von Kuala Lumpur, Manila oder Jakarta wird nach höchsten internationalen Standards gebaut, so dass man den Vergleich mit New York, London oder Tokyo nicht zu scheuen braucht.

Das gilt jedoch nicht für die Bürogebäude zweiten und dritten Ranges. Was hier zählt, sind meist weniger eine ausgefallene Architektur und nachhaltige Bauweise, sondern eine schnelle und kostengünstige Planung sowie Errichtung. Das setzt zwangsläufig den Einsatz billiger Materialien voraus. Einfachverglasung an den Fenstern oder eine mangelhafte Isolierung zählen oft zur Normalität, ebenso wie die daraus resultierenden Mängel beim Raumklima und der Belüftung. Der Einsatz schlechten Betons hat aber auch andere Gründe: In vielen Ländern Südostasiens sind Produktionskapazitäten zur Herstellung von hochqualitativen Baumaterialien nur unzureichend vorhanden. Da der Import mit entsprechenden Kosten verbunden ist, bleibt oft nur der Griff zu minderwertigeren Ressourcen.

Das bedeutet jedoch nicht die völlige Abwesenheit jeglicher Standards. Vor allem in den Städten wird ihre Einhaltung mitunter streng überprüft. So werden aufmerksamen Besuchern in Städten wie Bangkok viele halbfertige Büro- oder Wohntürme und andere Bauruinen nicht verborgen bleiben. Sofern den Bauträgern nicht das Geld ausgegangen ist, haben in solchen Fällen oft die Behörden dem Bauprojekt den Stecker gezogen.

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Hausbau in den Tropen: Hot or not

Richtig interessant wird tropische Architektur, wenn man sich den privaten Wohnbau in Südostasien ansieht. Wer in Mitteleuropa ein Haus baut, möchte es gerne nach Süden oder Westen ausrichten, um die Sonne optimal zu nutzen. In den Tropen will man genau das so gut wie möglich vermeiden. Kein Wunder bei bis zu 40 Grad im Schatten und einer viel höheren Luftfeuchtigkeit. Kleinere Fenster, natürlicher Schatten und verringerte Hausfronten in jene Richtungen, aus denen die Sonne am stärksten scheint, schaffen bei so einem Klima Abhilfe.

Hinzu kommen noch andere Bauweisen, die sich an den Erfahrungen der Großeltern orientieren und Bezug auf natürliche Phänomene nehmen. So befinden sich im zentralen Bereich traditioneller Gebäude häufig große Steine in sonnengeschützter Lage. Der Sinn dahinter: Am Tag sind sie kühl, in der Nacht geben sie die aufgenommene Wärme wieder an ihre Umgebung ab und sorgen so für ein angenehmes Raumklima. Bei modernen Gebäuden ersetzt eine massive und ummantelte Bodenplatte aus Beton diese Funktion – sie nimmt die Kühle aus der darunterliegenden Erde auf. Eine weitere intelligente Konstruktionsweise hat ihr Vorbild in der Kleidung von Marktfrauen, Bauern oder Arbeitern. Diese sind von Kopf bis Fuß mit mehreren Schichten aus Kleidung eingehüllt. Doch was für Mitteleuropäer auf den ersten Blick paradox erscheint, ist wohl durchdacht. Brennt die Sonne auf die äußerste Schicht, bleibt die darunter liegende Kleidung kühl, was durch den Fluss der Luft zwischen den Schichten unterstützt wird. Umgelegt auf den Hausbau in den Tropen bedeutet das den Einsatz von Doppelschalenmauerwerk. Die äußere Hülle dient dabei als Schutz und Schattenspender für die innere.

Dasselbe Konzept oder Design findet auch beim Dach Anwendung. Das äußere Satteldach dient als Sonnenschutz und ragt weit über die Außenwände hinaus. Darunter befindet sich im Abstand von 10 bis 15 Zentimetern ein weiteres Dach, das den Wohnraum abschließt. Im Zwischenraum gerät die Luft thermisch in Bewegung – die kühle Luft tritt unten ein und wandert durch die Erwärmung nach oben zum First, wo sie austritt.

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Bambusgerüst auf asiatischer Baustelle

Wenn du kein Geld hast, vertraue auf das Skelett

Doch derartige Lösungen sind nicht für alle erschwinglich, so dass andere Bauweisen herhalten müssen. Mangels finanzieller Mittel vertrauen Baumeister in Südostasien bei der Errichtung von Wohngebäuden selten auf tragende Wände, sondern ziehen die Skelettbauweise vor. Dazu werden im Boden zunächst Löcher ausgehoben, in die Baustahl für die tragenden Säulen einbetoniert wird. Diese Säulen stehen im Abstand von einigen Metern zueinander. Dazwischen werden Querträger eingebunden, auf denen auch das Dach ruht. Zwischen den Säulen wird ausgemauert – oft wird an die Pfeiler auch eine Wandverkleidung aus Zementplatten geschraubt. Für das Fundament wird der Raum zwischen den unteren Querträgern mit Sand aufgefüllt. Darauf kommt Beton. Im Innenausbau greifen Bauherren aus Kostengründen gerne zu Rigipsplatten.

Nicht nur das Design, sondern auch die Qualität der Bauausführung ist beim Hausbau in den Tropen häufig auf einem anderen Niveau, als man es in Europa gewohnt ist. Beispielsweise werden Leitungen und Kabel meist nicht unter Putz, sondern auf der Wand verlegt und dann mit Farbe übermalt. Neben einem umfassenden Baumängelmanagement sind auch Gutachten weitgehend unbekannt.

Ein weiterer Faktor: Bei einem Großteil der Baufirmen handelt es sich um Kleinstbetriebe mit nur einer Handvoll an Mitarbeitern. Eine Ausbildung der Arbeiter nach europäischem Verständnis ist kaum vorhanden – Handwerker müssen keinerlei Prüfungen ablegen oder Nachweise über ihre Fähigkeiten erbringen. Dass die meisten mitteleuropäischen Bauleiter beim Anblick einer südostasiatischen Baustelle schnell die Fassung verlieren, liegt auch an den kaum vorhandenen Sicherheitsstandards. Wenn überhaupt vorhanden, bestehen Baugerüste in der Regel aus Bambus. Bauhelme und sonstige Schutzausrüstungen stellen eine Rarität dar. Da hilft dann nur: Cool bleiben oder – wie es bei großen Bauvorhaben häufig der Fall ist – das Engagement einer großen oder international tätigen Baufirma.

Bewährte Baumethoden

Was an dieser Stelle festgehalten werden muss: Die Baumeister und Bauarbeiter Südostasiens verstehen ihr Handwerk trotz der oben angeführten Aspekte durchaus. Denn die von ihnen gebauten Häuser halten Erdbeben, Monsun-Regen und Überflutungen Stand. Die angewandten Baustandards mögen mit jenen in Mitteleuropa nicht vergleichbar sein – dennoch leben in diesen Häusern Millionen von Menschen gut und gerne.

Frosch im Wasser

Beißt es, sticht es, oder macht es Lärm?

Ist der Bau des Objekts abgeschlossen, müssen sich die Bewohner mit noch einem weiteren Aspekt auseinandersetzen: Ungewollte tierische Untermieter.

Ein großes Problem in den Tropen sind Termiten. Die Insekten sind neben dem feuchten Klima ein Hauptgrund, warum Holz heutzutage als Baustoff vor allem in ländlichen oder suburbanen Gegenden Südostasiens weniger geschätzt wird. Erfolgt ein Befall, bleibt meist nur mehr der Griff zur Giftkeule. Davon haben andere heimische Tiere wie Schlangen oder Skorpione mehr als genug. Das kann gefährlich werden, denn sie machen es sich gerne im Unterholz neben Häusern oder in den Zwischenräumen von Gebäuden gemütlich. Von dort können sie den Weg in das Innere finden. Damit die Kobra nicht ins Schlafzimmer kommt, werden geschützte Nischen im Gebäude nach Möglichkeit vermieden. Im Garten empfiehlt sich ein lockerer Bestand an Pflanzen. Das bedeutet: Null Toleranz bei hohem Gras und Unkraut. Hochwachsende Bäume und Sträucher bieten den Tieren weniger Schutz und spenden darüber hinaus Schatten.

Zu einer guten Gartengestaltung zählt auch der Verzicht auf Gewässer rund um das Haus. Zwar ist ein Teich im Garten hübsch anzusehen, aber das Wasser hat auch eine große Anziehungskraft auf Kröten und Frösche. Die daraus resultierende Lärmentwicklung zu nächtlicher Stunde kann beachtlich sein. Wer also einen Quak-freien Schlaf genießen möchte, verzichtet besser auf ein Feuchtbiotop.

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