Die wichtigsten Fakten zum Bauen in kalten Regionen

Es ist der Traum vieler: Ein Eigenheim in Skandinavien oder Kanada. Doch die klimatischen Verhältnisse in nördlichen Breiten bringen besondere Ansprüche an den Hausbau mit sich. Somit stellt sich die Frage, was eine Immobilie für ein behagliches Wohnen im hohen Norden alles leisten muss. Dieser Beitrag klärt Sie über die ideale Gebäudestruktur, Gebäudetechnik und andere wichtige Faktoren beim Bauen in kalten Regionen auf.

Häuser am Wasser in Trondheim bei Sonnenuntergang

Extreme Unterschiede bei Temperatur und Sonneneinstrahlung

Die boreale oder subarktische Klimazone kommt fast ausschließlich auf der Nordhalbkugel vor und umfasst große Teile Russlands, Skandinaviens, Grönlands, Kanadas und Alaskas. Zwischen Sommer und Winter herrschen in kontinentalen Lagen zum Teil sehr große Temperaturunterschiede, wobei die Temperaturen im Tagesverlauf im Sommer stärker schwanken, als zur Winterszeit. So weist zum Beispiel das am Baikalsee gelegene Irkutsk im Juli eine Durchschnittstemperatur von 17 Grad Celsius, im Dezember von -20 Grad Celsius auf.

Skandinavien-Urlauber können ein Lied davon singen: Der meiste Regen in den nördlichen Regionen fällt im Sommer, wenn durch die Erwärmung bodennaher Luftmassen konvektive Niederschläge entstehen. Abseits der Ozeane fällt der Niederschlag im Winter meist geringer aus. Dennoch hält sich Schnee aufgrund des kalten Klimas zwischen sechs und sieben Monate, wodurch sich im Laufe der Zeit große Mengen ansammeln können. Auch die täglichen Sonnenscheinstunden weisen im Jahresverlauf große Unterschiede auf. Im Sommer sind die Tage lang. Entsprechend tritt zwischen Ende Mai und Mitte Juli die größte Sonneneinstrahlung ein. In den sehr kurzen Wintertagen kommt es hingegen zu nur minimalen Strahlungseinträgen.

Bauen in borealen oder subarktischen Regionen: Was soll man berücksichtigen?

Wer im hohen Norden ein Haus bauen möchte, sollte verschiedene Dinge bedenken. Folgende Grundregeln gilt es dabei zu beachten:

Hanglage wählen: Die Errichtung von Gebäuden auf abschüssigem Gelände ist Mulden oder Talböden vorzuziehen. So kann die Sonneneinstrahlung aus Süden besser genutzt werden. Darüber hinaus kann sich kalte Luft zu bestimmten Wetterbedingungen am Boden von Tälern oder Ebenen sammeln, was dort zu einem gesteigerten Heizwärmebedarf führt.

Kompakt bauen: Aufgrund der langen Winter und geringen Außentemperaturen spielen Transmissionswärmeverluste in nördlichen Breiten eine wichtige Rolle. Wer kompakt baut und ein niedriges A/V-Verhältnis erreicht, ist somit klar im Vorteil. Dazu zählt auch die Vermeidung von großen Gebäudehöhen. Denn diese führen in der kalten Jahreszeit zu einer größeren Windbelastung, was sich ungünstig auf den Heizwärmebedarf auswirkt.

Weiters empfiehlt es sich, jene Bereiche eines Gebäudes, die einen geringeren Heizwärmebedarf aufweisen (z.B.: Garagen, Lagerräume), außen anzuordnen. Im Inneren befinden sich jene Räume, die ein höheres Maß an Komfort voraussetzen.

Auf Ausrichtung des Gebäudes achten: Wie beim Hausbau in den Tropen, muss auch im hohen Norden der Sonneneinstrahlung auf Gebäude ein großes Augenmerk gewidmet werden. In borealen Zonen stehen dabei naturgemäß andere Überlegungen im Mittelpunkt: Um den Eintrag der Sonnenstrahlung im Winter zu maximieren und im Sommer möglichst gering zu halten, empfiehlt sich eine Nord-Süd-Ausrichtung des Objekts. So kann der winterliche Eintrag auf der Südseite genutzt werden. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch, dass die Südfassade im Sommer beschattet werden muss. In diesem Zusammenhang ist auch auf den Schattenwurf umstehender Gebäude zu verschiedenen Jahreszeiten zu achten. So sollte gerade im Winter der Abstand zu anderen Objekten im Süden groß sein. In der warmen Jahreszeit erweist sich die Nähe zu anderen Gebäuden an der Ost- und Westseite wiederum als vorteilhaft.

Tasse mit Kaffee oder Tee am Fenster in Winter

Gute Dämmung der Gebäudehülle: Generell gilt, dass die Hülle einer Immobilie im Winter Wärmeverluste weitestgehend minimieren sollte. Gleichzeitig sollten Wärmeeinträge durch die Sonnenstrahlung in den kalten Monaten maximiert werden. Das setzt zum einen eine sehr gute Dämmung voraus. Eine Dämmstoffdicke von 20-30 Zentimetern ist angeraten. In diesem Zusammenhang ebenfalls von großer Bedeutung ist der Fensterflächenanteil des Gebäudes. An der Nord-, Ost-, und Westseite sollte dieser kleiner ausfallen und rund 30 bis 40 Prozent ausmachen. An der südlichen Fassade kann sich eine Fensterfläche von bis zu 50 Prozent positiv auf den Heizwärmebedarf auswirken. Der Einsatz von 3-Schreiben-Wärmeschutzglas bietet sich an, um im Winter die passiven Solargewinne optimal nutzen zu können. Umgekehrt muss das Ziel lauten, die Sonneneinträge im Sommer zu minimieren. Somit sollten die Fenster der südlichen Objektseite zur warmen Jahreszeit ausreichend beschattet werden.

Luftfeuchtigkeit nur am Ozean ein Thema: In Küstennähe weist die Luft in kühlen Klimazonen einen höheren Feuchtigkeitsgehalt auf. Somit spielt der Entfeuchtungsenergiebedarf in Objekten eine Rolle. In kontinentaler Lage ist die Luftfeuchtigkeit sowohl im Winter als auch Sommer meist so gering, dass eine aktive Entfeuchtung nicht notwendig ist.

Beheizung: Im borealen oder subarktischen Klima hat die Heiztechnik aufgrund der kräftigen Winter eine große Bedeutung. Der Bedarf an Heizwärme steigt, je nördlicher und höher gelegen eine Immobilie ist. In Küstennähe fallen die Wintertemperaturen in der Regel etwas milder aus. Die Wärmequelle sollte dabei immer im innersten Teil eines Objekts liegen, um Wärmeverlusten durch die Außenwände vorzubeugen.

Abseits der Beheizung mit fossilen Brennstoffen oder Holz bieten sich weitere Lösungen an: Eine mechanische Belüftung mit Wärmerückgewinnung kann zur Übergangszeit die höhere Temperatur des Untergrunds zur Vorerwärmung der Zuluft nutzen. Ebenso bieten sich für den Frühling und Herbst solarthermische Anlagen an. Luftwärmepumpen sind aufgrund der tiefen Temperaturen im Winter (bis zu -30 Grad Celsius) und des damit einhergehenden Effizienzverlustes für die Beheizung in nördlichen Breitengraden nicht zu empfehlen.

Kaum Kühlung notwendig: Durch die im Jahresschnitt relativ niedrigen Temperaturen ist der Bedarf an aktiver Kühlung von Objekten gering. Wo Kälte benötigt wird, kann diese meist aus regenerativen Quellen – etwa aus dem Untergrund – bezogen werden.

Bauen in kalten Regionen - Haus im Hardangervidda National Park in Norwegen.

Klima und Wetter auch bei Planung berücksichtigen

Was Bauherren darüber hinaus bedenken müssen: Die beste Zeit zum Bauen ist in kalten Regionen der Sommer. Da dieser jedoch vergleichsweise kurz dauert und es häufig Niederschlag gibt, wird die Bauzeit schnell knapp. Das setzt ein effizientes Bauprojektmanagement voraus. Doch auch Planer sind gefordert. Denn türmt sich im Winter der Schnee, kann das die Wartung externer Gebäudeteile erschweren. Hinzu kommt, dass Arbeiten bei Temperaturen unter Null Grad Celsius auch durch weitere Faktoren wie sperrige Schutzkleidung beeinträchtigt werden. Um den Wartungsaufwand zu minimieren, bzw. um einen einfachen Zugang auch bei widrigen Verhältnisse zu ermöglichen, ist eine entsprechende Planung gefordert.

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