Urbane Landwirtschaft – Lösung für die Stadt der Zukunft?

Weltweit schreitet die Urbanisierung voran. Insbesondere Schwellenländer und die Dritte Welt werden in den kommenden Jahrzehnten eine rasante Entstehung neuer und die Vergrößerung bestehender Ballungszentren erleben. Megastädte in Lateinamerika, Afrika und Asien mit einer Population von mehr als 20 oder 30 Millionen Menschen sind in Zukunft keine Seltenheit mehr. 2050 wird das indische Mumbai mit rund 42 Millionen Einwohnern den Spitzenplatz einnehmen. So viele Menschen benötigen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch ausreichend zu essen. Die derzeit weltweit verfügbaren Kapazitäten zur Nahrungsmittelproduktion können den zu erwartenden Bedarf nicht decken. Das ist ein Problem – doch wie lautet die Lösung?

In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • Was für Faktoren in Zukunft zur Lebensmittelsicherheit beitragen
  • Welche Vor- und Nachteile urbane Landwirtschaft mit sich bringt
  • Welche Arten von urbaner Landwirtschaft es gibt
  • Woran die Lebensmittelproduktion in der Stadt häufig scheitert


Asiatische Frau sitzt am Bauernmarkt inmitten von Gemüse

Weniger Burger, mehr Brokkoli

Bis zur Mitte des Jahrhunderts müssen im Vergleich zu heute rund 50% mehr Lebensmittel erzeugt werden. Doch es ist nicht allein die Bevölkerungszahl, die in diesem Zusammenhang eine Herausforderung darstellt. Hinzu kommen auch Veränderungen in der Umwelt. Die globale Erwärmung wird Klimazonen verschieben, Meeresspiegel ansteigen und Gletscher abschmelzen lassen. All das bedroht die Lebensmittelsicherheit durch Dürren, Wassermangel oder den Verlust von Ackerland. Für Stadtbewohner stellt sich in Zukunft somit die Frage, wie sie sich mit dem Nötigsten versorgen können.

Es gibt mehrere Lösungsansätze. Generell muss in den kommenden Jahrzehnten die Verschwendung von Lebensmitteln drastisch reduziert werden. Vor allem in den Industrieländern stellt das ein Problem dar – zu viel Essen landet im Müll, weil es den hohen Ansprüchen der Konsumenten nicht genügt, oder weil beim letzten Gang in den Supermarkt zu viel gekauft wurde. Ebenso wird der Wandel weg von Ressourcen-intensiven Nahrungsgütern wie zum Beispiel Rindfleisch hin zu mehr pflanzlicher Kost gefordert.

Eine weitere mögliche Antwort liefert urbane Landwirtschaft, also die Produktion von tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln in städtischen Lebensräumen. In diesem Zusammenhang wird zwischen urban gardening und urban farming unterschieden. Während der Gartenbau in der Stadt von Privatpersonen in kleinem Rahmen betrieben wird, erfolgt urban farming auf kommerzieller und größerer Basis.

Kommerziell betriebenes urban farming und vertikale Landwirtschaft

Näher, platzsparender, aber auch ressourcenschonender?

Urbane Landwirtschaft bietet im Gegensatz zur herkömmlichen Feldwirtschaft mehrere Vorteile – denen aber auch einige Kritikpunkte gegenüberstehen:

  • Der größte Pluspunkt dieser Form des Nahrungsanbaus ist, dass die benötigten Lebensmittel direkt vor Ort produziert werden. Wenn das Essen nicht aus anderen Landesteilen – oder gar von einem anderen Kontinent – herbeigeschafft werden muss, spart das viel Energie und CO2 ein. Da die Transportwege viel kürzer sind, besteht zudem eine deutlich geringere Gefahr, dass die Ware auf dem Weg zum Verbraucher verdirbt.
  • Hinzu kommt, dass noch nicht abschätzbar ist, wie sich die Entwicklungen der nächsten Jahre auf die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln auswirken werden. Es ist anzunehmen, dass klimatische Veränderungen und der Kampf um Ressourcen wie Wasser in Zukunft zu größeren Spannungen führen. Das bedeutet, dass die heutige Lieferketten in einigen Jahrzehnten vielleicht nicht mehr bestehen werden. Wer lokal produziert, ist somit im Vorteil.
  • Zudem steigt seit Jahren der Bedarf an regional produzierten Lebensmitteln, die unter sozial verträglichen Verhältnissen erzeugt werden. Ob soziale Standards eingehalten werden, lässt sich bei urbaner Landwirtschaft vor Ort in der Regel leichter verifizieren, als bei Nahrungsmitteln aus dem Ausland.
  • Ein weiterer Vorteil der urbanen Landwirtschaft besteht darin, dass sie im Vergleich zum üblichen Ackerbau mit weniger Dünger und Wasser auskommt. Auch ein anderes Problem der Feldwirtschaft – die Auslaugung des Bodens – fällt viel geringer aus.
  • Darüber hinaus benötigt urbane Landwirtschaft weniger Platz, da die Anbauflächen optimiert sind und sich üblicherweise auf mehreren Ebenen übereinander befinden. Der Ertrag pro Fläche ist somit deutlich höher. Dieser Vorteil wird jedoch zum Teil durch die höheren Kosten für Grundflächen in Städten aufgewogen.
  • Durch den großzügigen Einsatz von Beleuchtungsmitteln kann das Pflanzenwachstum beim Anbau in Gebäuden erheblich beschleunigt werden. Mehrere Ernten pro Jahr sind möglich.
  • Damit zusammenhängend entsteht jedoch der größte Kritikpunkt am urban farming: Der sehr hohe Energieaufwand für die Beleuchtung, ohne die kein Pflanzenwachstum erfolgen kann.
  • Mikroorganismen sind im Guten wie im Schlechten Teil unserer Umwelt. Werden Pflanzen abgeschottet in großen Anlagen gezüchtet, sind sie anfälliger für Krankheiten. Bei einem Keimbefall hilft dann meist nur mehr der Griff zur Giftkeule, da natürliche Mechanismen zur Krankheits- und Schädlingsabwehr nicht mehr bestehen.
  • Negativ ins Gewicht fallen auch die hohen Errichtungskosten, die vor allem bei großflächiger und hoch automatisierter urbaner Landwirtschaft entstehen.

 

Hungrige Karpfen heben ihre Köpfe aus dem Wasser und sperren ihre Mäuler auf

Der Kreislauf von Karpfen und Gurke

Abhängig davon, wieviel Platz und Kapital zur Verfügung stehen, gibt es verschiedene Methoden, wie urban farming oder urban gardening betrieben werden können. Ein vielversprechendes Beispiel ist die sogenannte Aquaponik. Es handelt sich um eine Technik, die bereits von den Azteken oder im alten China angewandt wurde. Dabei wird die Zucht von Fischen, Garnelen oder anderen Wasserbewohnern mit der Kultivierung von Pflanzen und Kräutern kombiniert, um Synergien zu schaffen.

Bei den Wassertieren gelten Vertreter der Buntbarsche oder Karpfen als ideale Wahl, da sie relativ anspruchslos sind und schnell wachsen. Sie leben in Aquarien, Tanks oder Teichen, deren mit den Hinterlassenschaften der Fische angereichertes Wasser sehr nährstoffreich ist. Ein Teil des Wassers wird abgepumpt, gefiltert und mit Hilfe von Bakterien aufbereitet. Die Mikroorganismen wandeln die Ausscheidungen in Nitrat um. Als Stickstoffquelle eignet es sich hervorragend für die Düngung von Gurken, Erdbeeren & Co. und wird den Pflanzen mit einem Teil des Wassers zugeführt. Der Rest des gereinigten Wassers wird wieder in die Behälter mit den Fischen zurückgeleitet. Die Vorteile dieser Technik liegen auf der Hand: Sie ermöglicht die Produktion von tierischen als auch pflanzlichen Nahrungsmitteln auf begrenztem Raum. Darüber hinaus werden weniger Ressourcen verbraucht und diese können zum Teil auch wiederverwertet werden.

Radieschen von der Hauswand

Vom Platzaufwand her am sparsamsten ist die sogenannte vertikale Landwirtschaft. Dazu werden Nutzpflanzen in Hochbeeten, Blumenkästen, Vasen, alten Autoreifen oder Regalen an der Wand in mehreren Ebenen übereinandergestapelt oder einfach von der Decke hängen gelassen. Durch ihre verhältnismäßig geringe Größe lassen sich die Behälter einfach transportieren und flexibel positionieren. Das macht diese Form des Gemüseanbaus ideal für Privatpersonen ohne eigenen Garten. Ein weiterer Vorteil: Es braucht dazu auch nicht zwangsläufig Erde. Hydroponik ermöglicht das Kultivieren von Pflanzen in mit Mineralien angereichertem Wasser – einer Technik, die ins siebte Jahrhundert zurückreicht.

Doch auch der vertikalen Landwirtschaft sind in der Wohnung durch den beschränkt verfügbaren Platz Grenzen gesetzt. Gibt es in einer Stadt darüber hinaus kaum Gärten, Parks oder sonstige Grünflächen, kann entsprechend weniger produziert werden. Damit steht die privat betriebene urbane Landwirtschaft insbesondere in Städten mit einer hohen Bevölkerungsdichte vor einer großen Hürde. Das ist gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern häufig der Fall. Die Konsequenz: Eine Selbstversorgung mit dem Notwendigsten bleibt für die meisten Menschen in weiter Ferne. Die Bau- und Immobilienbranche kann hier einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie bei ihren Planungen und Ausführungen Grünflächen für den privaten Anbau berücksichtigt. Als Beispiel dienen die in vielen Städten immer häufiger auftretenden Dachgärten. Dadurch können ohne große Abstriche wertvolle Flächen für urban gardening gewonnen werden.

Im größeren Rahmen bleiben auch beim vertical farming die bereits erwähnten Hürden – insbesondere des hohen Energieverbrauchs und der Gefahr vor Keimen – bestehen. Somit ist allen Vorteilen zum Trotz noch nicht absehbar, ob urbane Landwirtschaft in den kommenden Jahren eine ernsthafte Alternative zum vorherrschenden Ackerbau bilden kann.

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