Arbeitssicherheit auf der Baustelle: Die Fakten

Der Sturz vom Baugerüst, ein unachtsamer Umgang mit Maschinen, oder der „Klassiker“ des nicht getragenen Bauhelms – Arbeitsunfälle haben zahlreiche Gründe. Oft sind die Folgen gravierend und reichen von Frakturen über Verbrennungen bis hin zum Verlust von Körperteilen. Eine entsprechend Bedeutung hat die Arbeitssicherheit auf der Baustelle. Wir präsentieren die wichtigsten Fakten.


Arbeitssicherheit auf der Baustelle: Bauarbeiter am Dachgeländer gesichert

Arbeitssicherheit auf der Baustelle: Die aktuellen Unfallszahlen

Zu Unfällen am Bau kommt es leider häufig und wohl die meisten Mitarbeiter der Bauaufsicht werden im Laufe ihrer Karriere zumindest einmal mit verletzten Mitarbeitern konfrontiert. Nicht ohne Grund hat die International Labour Organisation (ILO) der Vereinten Nationen den Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz eingeführt. Jeden 28. April soll er ein sicheres und menschenwürdiges Arbeitsumfeld für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen fördern.

Wie wichtig Arbeitssicherheit auf Baustellen ist, belegen die entsprechenden Statistiken zu den Unfallszahlen am Bau. Und diese Zahlen haben es in sich, wie die folgende Grafik zeigt:

 

Säulendiagramm: Unfälle am Bau Deutschland 2015-2017

Allein in Deutschland wurden von der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft im Jahr 2017 rund 103.800 Unfälle auf der Baustelle verzeichnet. In 88 Fällen kam es sogar zum Todesfall. Diese Angaben spiegeln aber nur einen Teil aller Vorfälle wider, deren tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegen dürfte. Denn die Berufsgenossenschaft nimmt Unfälle nur dann in ihre Statistik auf, wenn der betroffene Arbeiter für drei Tage oder länger arbeitsunfähig ist.

Nicht alle Personen am Bau sind dem gleichen Risiko ausgesetzt. Ein Großteil der Unfälle erfolgt im Hochbau. Aber auch im Tiefbau besteht Gefahrenpotenzial – etwa, wenn Arbeiter verschüttet werden. Zu den am häufigsten von Unfällen betroffenen Berufsgruppen auf der Baustelle zählen neben den Maurern Bauspengler, Zimmerleute und Hilfsarbeiter im Hochbau.

Hitze, Zeitdruck & Kommunikationsprobleme

Bauweisen und Arbeitsstandards unterscheiden sich von Land zu Land. Weltweit gilt aber: Die Arbeit auf dem Bau ist in vielerlei Hinsicht körperlich anstrengend. Lärm, Vibrationen, die Bedienung von Maschinen, aber auch Nässe, Kälte und nicht zuletzt die sommerliche Hitze verlangen Bauarbeitern so Einiges ab. Hinzu kommen verschiedene psychische Belastungen. Denn wie fast überall in der Arbeitswelt hat auch im Baugewerbe der Zeitdruck in den letzten Jahren stetig zugenommen. „Schneller und mehr“, so lautet oft die Vorgabe von oben. Tickt im Hintergrund die Uhr, führt das zu Stress und damit zu Unachtsamkeiten. Wenn es vom Bauarbeiter also heißt: „Das mache ich noch schnell fertig!“ oder „Das geht schon so!“, dann sollte die Bauaufsicht besonders auf der Hut sein. Kommen auch noch eine häufig wechselnde Zusammensetzung der Arbeitsteams oder sich regelmäßig ändernde Arbeitsumgebungen hinzu, steigt die Gefahr von Unfällen rapide. Denn wie verschiedene Unternehmen und deren Mitarbeiter miteinander kommunizieren und arbeiten, unterscheidet sich zum Teil stark. Das führt schnell zu Missverständnissen und Fehlern – mitunter mit schwerwiegenden Konsequenzen.

Tritt der Worst-Case ein und ein Bauarbeiter verunfallt, haben nicht nur der Betroffene selbst, sondern auch ihre Familien, Freunde und Kollegen an den Folgen zu tragen. Und auch für die Bauaufsicht gibt es wohl kaum etwas Schlimmeres, als einen verletzten Mitarbeiter auf der Baustelle. Zur emotionalen Belastung gesellen sich weitere Probleme: Ein zusätzlicher administrativer Aufwand, Verzögerungen bei den Arbeiten, steigende Projektkosten, etwaige rechtliche Konsequenzen.

Regelwerke für mehr Arbeitssicherheit auf der Baustelle

Auch wenn die Zahlen der am Bau Verletzten momentan stagnieren, hat sich im Vergleich zu den letzten 10 bis 20 Jahren bereits viel bei der Arbeitssicherheit auf Baustellen getan. Schutzausrüstungen, Sicherheitsmechanismen sowie -Maßnahmen haben sich stetig verbessert. Darüber hinaus hat sich bei den Verantwortlichen und Ausführenden auch ein größeres Bewusstsein für potenzielle Risiken und die geeigneten Gegenmaßnahmen entwickelt. Dazu beigetragen haben auch verschiedene nationale sowie internationale Gesetze und Normen.

Beispiele sind das Deutsche Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) oder die EU-Richtlinie Direktive 89/391/EEC, die für mehr Sicherheit am Bau sorgen sollen. So sind etwa Gefahren laut ArbSchG direkt an der Quelle zu bekämpfen und jedwede Maßnahmen zum Schutz von Arbeitern haben auf dem aktuellen Stand der Technik zu erfolgen. Die Direktive 89/391/EEC fordert, dass Arbeitnehmer vom Arbeitgeber ausreichend und angemessen über Sicherheit und Gesundheitsschutz informiert werden müssen. Diese Informationen müssen zudem an die Entwicklung der Gefahrenmomente und die Entstehung neuer Gefahren angepasst sein.

Ein guter SiGe-Plan ist Pflicht

Eine gründliche und vorausschauende Planung hilft dabei, mögliche Gefahren auf der Baustelle im Vorfeld der Arbeiten zu minimieren. Laut Baustellenverordnung ist der Bauherr zudem verpflichtet, einen Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan (SiGe-Plan) zu erstellen. Der SiGe-Plan ist eine Weiterführung des Bauzeitplans und Bauablaufplans. Er listet unter Berücksichtigung aller relevanten Gesetze und Normen jene Aspekte auf, die ein sicheres Arbeiten aller Beteiligten auf dem Bau gewährleisten sollen. Dazu zählt in der Regel eine Übersicht der an einem Projekt beteiligten Unternehmen sowie deren Aufgaben und Tätigkeiten. Dabei werden zeitliche Abläufe ebenso berücksichtigt wie notwendige Schutzmaßnahmen. Ebenso gibt der SiGe-Plan Aufschluss über Maßnahmen bei besonderen Gefahren.

Wichtig: Die einzelnen Maßnahmen zum Schutz der Arbeiter sollen im SiGe-Plan möglichst konkret benannt und den verantwortlichen Gewerben zugewiesen werden. Idealerweise umfasst der SiGe-Plan Angaben, welche Sicherungs- und Schutzeinrichtungen an welcher Stelle vorzunehmen sind. Besonders beachtet werden müssen dabei auch jene Maßnahmen, die dem Schutz von Arbeitern unterschiedlicher Unternehmen zugutekommen. So sollen beispielsweise Absicherung von Installationsschächten sowohl während der Rohbauphase und anschließend für die Arbeiten von Haustechnikern bestehen bleiben.

Metallträger umfangreiches Gerüst für Plattformen zur Unterstützung der Bühnenstruktur

Die Bauaufsicht in der Verantwortung

Die Bauaufsicht haftet als Interessensvertretung des Bauherren für die Gefahrenbereiche auf einer Baustelle. Somit zählt es auch zu ihren Aufgaben, die ordnungsgemäße Errichtung und Einhaltung der Sicherungs- und Schutzmaßnahmen laut SiGe-Plan zu überprüfen. Derartige Sicherheitsbegehungen sollten regelmäßig durchgeführt werden, um die Arbeitssicherheit auf Baustellen zu erhöhen. Da auf einer Baustelle verschiedene Unternehmen tätig sind, und es aufgrund von Termindruck zwangsläufig zu spontanen Behelfslösungen kommt, muss die Bauaufsicht immer ein waches Auge haben. Damit wackelige Bretter als Übergänge und andere improvisierte Lösungen ein Ding der Vergangenheit bleiben, müssen geeignete Alternativen bereitgestellt und Schulungen durchgeführt werden. Der dadurch entstehende Kostenaufwand ist  jeden vermiedenen Absturz oder Knochenbruch wert.

Tipp für Mitarbeiter der Bauaufsicht: Die digitale Dokumentation von Prozessen auf der Baustelle unterstützt Verantwortliche dabei, dass alle Maßnahmen zur Arbeitssicherheit ergriffen und rechtssicher festgehalten werden.

Unabhängig davon liegt es im Interesse jedes Bauarbeiters selbst, mit Um- und Voraussicht zu Werke zu gehen. Doch auch andere Akteure wie zum Beispiel Bauherren oder Planer müssen die Sicherheitsanforderungen am Bau konsequent umsetzen. Nicht zuletzt liegt es auch an der Bauaufsicht, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Denn die Vorbildwirkung von Führungskräften sowie eine entsprechende Unternehmenskultur spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um die Einhaltung von Sicherungsvorkehrungen geht.

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