Mobility as a Service (MaaS) hat sich in den letzten 5 bis 10 Jahren merkbar zum Trend entwickelt. Dessen größte Herausforderung: die effizienteste Ausrichtung mobiler Transportkapazitäten an die Echtzeit-Anfragen seiner Nutzer. Dies ist auf die aktuellen Veränderungen im gesamten Transportwesen zurückzuführen. Mit dem rapiden Anstieg des Online-Handels erlebt sie womöglich seine transformativste Phase.

Online-Mitfahrzentrale und mobile Fahrgemeinschaftsanwendung. Mitfahrgelegenheit Taxi-App auf dem Smartphone-Bildschirm. Moderne Menschen und Pendlerbeförderung. Mann, der Telefon mit einem Auto im Hintergrund hält.

Eines ist klar: Die Anforderungen an den urbanen Verkehr haben sich geändert. Die Anzahl an Autos auf deutschen Straßen ist in den letzten 13 Jahren stetig angestiegen. Städte stehen vor der Aufgabe, diesem Wachstum ausreichende Flächen zu bieten, ohne dabei einen Verkehrskollaps heraufzubeschwören. Da wir von der Einführung fliegender Autos noch weit entfernt sind, mussten neue Ideen her. Mit WHIM machten es die Finnen vor. Unter der Bezeichnung „Mobility as a service“ (MaaS), zu Deutsch „Mobilität als Dienstleistung“, konnte ein frischer Denkansatz bereits in die Praxis umgesetzt werden. Dabei soll der Transport mit eigenen Fahrzeugen durch ein auf den Kundenbedarf abgestimmtes Angebot verschiedener Mobilitätsdienste ersetzt werden.

Mobility as a Service (MaaS) – Ein revolutionärer Denkansatz

Wer vom Flughafen in die Stadt will, muss keine Fahrpläne checken, keine Tarifzonen beachten, keine Taxis suchen und keine Tickets kaufen. Es reicht, das Ziel in eine App einzugeben. So lautet zumindest die Grundidee sämtlicher Bemühungen im Zusammenhang mit der MaaS-Technologie.

Die Fahrgäste von heute möchten maßgeschneiderte Routenvorschläge in Echtzeit erhalten und von überall zu jeder Zeit gelangen können. Die bisherige Herangehensweise, für Entlastung im Straßenverkehr zu sorgen, war, dass man sich die Verkehrsdaten zu Stoßzeiten angesehen hat und von da aus nach Lösungen gesucht, mehr Straßen bzw. mehr Transportwege zu errichten.

Doch irgendwann hat jede Stadt ihre Kapazität erreicht, um zusätzliche Infrastrukturbauten zu genehmigen bzw. zu realisieren. Freie Bauflächen sind rar. Auch mit Flächenwidmungen kann man nicht unbegrenzt Platz schaffen. Somit mussten neue Überlegungen her. MaaS war schließlich die Antwort auf die folgende Frage:

„Wie können wir bereits vorhandene öffentliche & private Verkehrsdienste kombinieren, um den neuen Reiseanforderungen der Stadtbewohner gerecht zu werden, ohne dafür zusätzliche Infrastrukturflächen teuer zu erwerben?“

Zur Beantwortung dieser Frage wurden auch neue Überlegungen zur Datenauswertung angestellt und das Verhalten der Fahrgäste neu analysiert. Man kam zur Erkenntnis, dass der öffentliche Verkehr für viele nur ein Teil ihres Gesamtweges war. Wir entwickeln uns zu einer zunehmend mobilen Gesellschaft. Es wird vermehrt von neuen Fahrmöglichkeiten wie Car- und Bike-Sharing Diensten oder von Mitfahrmöglichkeiten wie BlaBlaCar Gebrauch gemacht.

Vor diesem Hintergrund entstanden schließlich Überlegungen darin, ein Mobilitätsnetzwerk zu erkunden, dass seinen Fahrgästen nicht nur vor jeder Fahrt aus mehreren Verkehrsmitteln auswählen lassen soll, sondern gleichzeitig auch auf diagnostische Weise das Fahrverhalten lernen soll, um mit gesellschaftlichen Veränderungen mithalten zu können.

Die Architektur der Zukunft

Laden Sie hier die vollständige Studie herunter.

Big Data und das sich ändernde Fahrverhalten

Mit der wachsenden Nachfrage nach Nahverkehrsmitteln, dem anhaltenden Beschäftigungswachstum in den zentralen Geschäftsvierteln der Stadt und dem Bevölkerungswachstum in den inneren und äußeren Ballungsräumen scheint die Verkehrsüberlastung in allen Verkehrssektoren unhaltbar auf uns entgegenzulaufen.

Daher ist ein schwieriger Teil in der Weiterentwicklung der MaaS-Technologie der Versuch, die unterschiedlichen Kapazitäten aller verfügbaren Transportdienste an die Echtzeit-Anfragen der Nutzer anzupassen. Auch Daten, die über den öffentlichen Verkehr hinausgehen, werden dabei untersucht. In der Praxis zeigt sich das in Form massiver Datenströme, die in kürzester Zeit verarbeitet werden müssen. Angesichts dessen sind eine detaillierte Datenerfassung und Datenanalyse maßgebende Bestandteile in der Weiterentwicklung dieser Technologie und sollen zusätzlich dafür sorgen, die derzeitigen Kosten für Passagiere auf einen Bruchteil zu senken.

Steuerung des autonomen Taxis per mobiler App.

Der deutsche Markt wird revolutioniert

Ein großer Schritt in Richtung MaaS wurde in Deutschland mit dem E-Scooter erreicht. Heutzutage gehören Marken wie Voi, Bird oder Lime zum Stadtbild vieler europäischen Städte. Die Nachfrage ist riesig und die Preise sind nicht zu hoch. Schätzungsweise gibt es in Deutschland rund 50.000 Sharing-E-Scooters, rund 15’000 davon in Berlin. Auch die Umsatzzahlen sprechen für den Erfolg des Modells: Lag der gesamte Umsatz des Segments E-Scooter-Sharing in Deutschland 2019 noch bei 72 Millionen Euro, hat er sich mit Stand 2022 mehr als verdoppelt und beträgt mittlerweile 176 Millionen Euro. Die Zahl der Nutzer stieg ebenfalls von 4,4 Millionen im Jahr 2019 auf aktuell knapp 10 Millionen. Der Trend könnte aber laut Schätzungen bald abflachen und bis 2025 auf gut 200 Millionen Euro steigen.

Ebenfalls weiter an Bedeutung gewinnen könnten Ride-Hailing Anbieter wie Uber oder Bolt. Uber hat bereits konkrete Pläne im Bereich der selbstfahrenden Autos, während andere Anbieter wie Bolt auf den deutschen Markt drängen und das Niedrigpreis-Segment bedienen.

Autonomous Mobility as a Service – Die Zukunft des Transports in Städten

Eine zukunftsträchtige Weiterentwicklung der MaaS-Technologie ist die Integration autonomer Transportmittel. Weltweit finden dazu bereits zahlreiche Versuche statt. So auch in Deutschland, als 2017 der erste autonome Bus in Betrieb genommen wurde und bis heute problemlos seine Routen abfährt.

In New York hat ein selbstfahrender Shuttle-Service damit begonnen, Passagiere von ihrem angegebenen Standort abzuholen. Obwohl dieser Dienst nur auf privaten Straßen eines riesigen Privatgeländes betrieben wird, ist es definitiv ein vielversprechender Schritt in die richtige Richtung.

Auch Amazon, in Zusammenarbeit mit Postmates, investiert in diesen Bereich und macht Anstrengungen in Richtung autonomer Lieferdienste. Postmates erhielt sogar bereits eine bedingte Genehmigung für das Testen seiner Lieferroboter, namens Serve. Die Genehmigung ermöglicht ihnen ihre Roboter 180 Tage in San Francisco zu testen. Amazon gab bekannt, dass seine Scout-Lieferroboter jetzt in Irvine, Kalifornien, Lieferungen ausführen.

Chancen und Potenzial – Den Amerikanern voraus

MaaS ist in den USA erstaunlicherweise weit weniger verbreitet als hier in Europa. Das liegt vermutlich daran, dass Europa auf weniger Fläche mehr internationale Großstädte aufweist. Dem amerikanischen Markt in einem aufstrebenden Sektor voraus zu sein, ist trotzdem ein eher unübliches Phänomen. Womöglich aber ein Zeichen dafür, dass diese Technologie ein riesiges Potenzial birgt. Technologien mit viel Potenzial erkennt man auch daran, dass sie Auswirkungen auf andere Branchen und sogar bestehende Lebensweisen zeigen.

Wie geht es in Zukunft weiter?

MaaS ist weltweit ein absoluter Wachstumsmarkt. Die Bedürfnisse der Kunden werden flexible, zu jeder Zeit, überall und zu niedrigen Preisen abgedeckt. In Staaten, in denen MaaS schon weiter verbreitet ist, wie in den Vereinigten Staaten oder in einigen skandinavischen Ländern, sind die Vorteile der neuen Mobilitäts-Vorstellung bereits in der Gesellschaft verankert. Im DACH-Raum herrscht nach wie vor eine gewisse Skepsis, vor allem in großen Konzernen. Unter der jungen Generation findet allerdings ein Umdenken statt, bzw. hat bereits ein Umdenken stattgefunden. Der praktische Nutzen von MaaS-Anbietern wie Uber oder Voi ist schlichtweg zu groß, als dass die Skepsis siegen würde. 

Von der Sharing Economy profitieren

Eine Branche, die von den Entwicklungen in der MaaS-Technologie profitieren könnte, wäre sicherlich der Immobiliensektor. Vor allem relativ abgelegene Wohnsiedlungen. Für gewöhnlich tragen verbesserte Verkehrsanbindungen zur Attraktivität des Einzugsgebietes bei und eventuell zur Wertsteigerung der Immobilienobjekte.

Unternehmen wie Caruso Carsharing versuchen in dieser Nische vorzustoßen und bieten Carsharing in Wohnanlagen an. Diese können sogar als zusätzliche Einnahmequelle dienen, in dem Einwohner ihren Parkplatz gegen Miete zur Verfügung stellen.

Die Elektro-Scooter Sharing Firma Lime steht sogar in enger Kooperation mit der japanischen Stadt Fukuoka und zielt auf die Einführung einer sichereren, bequemeren und nachhaltigeren Alternative für die ersten und letzten Streckenabschnitte der Bewohner.

Wie beeinflusst MaaS die Bau- und Immobilienbranche?

Auf den ersten Blick mögen Immobilien und ein neues Mobilitätsverhalten nicht viel gemeinsam haben. Betrachtet man die Thematik allerdings etwas genauer, stellt man schnell fest, dass Bauen und Verkehr untrennbar miteinander verknüpft sind. Beide Bereiche sind voneinander abhängig und beeinflussen sich gegenseitig. Wenn sich also die Art des Verkehrsverhaltens ändert, hat dies zwingend auch einen Einfluss auf das Immobilien- und damit auch auf das Bauwesen.

Ein großer Teil des Verkehrs machen Pendlerinnen und Pendler aus, die sich zwischen der Arbeitsstelle und ihrem zu Hause hin- und herbewegen. In einigen deutschen Metropolregionen macht der Anteil des Pendlerverkehrs bis zu 50 Prozent am gesamten Verkehrsaufkommen aus. Die Art, wie wir arbeiten, hat sich in den letzten Jahren aber stark geändert. Neben dem Home-Office haben auch MaaS-Konzepte für Pendler zugenommen. Ein Beispiel hierfür ist das litauische Unternehmen Trafi, welches seine App unter anderem in Deutschland und in der Schweiz anbietet. Trafi richtet sich an Arbeitgeber, die ihren Arbeitnehmern monatlich ein bestimmtes Mobilitätsbudget freigeben können. Dieses Budget können die Arbeitnehmerinnen für Services wie Mietwagen, Fahrräder, ÖPNV, E-Scooter oder Ride-Hailing-Anbieter verwenden.

LESETIPP: Wohnen in der Zukunft: Recherche 2022

Für Unternehmen und Anbieter von Bürogebäuden bedeutet das veränderte Mobilitätsverhalten einen Wandel in den Präferenzen der Angestellten. Die Bedeutung des Autos nimmt ab, während Punkte wie ein guter Anschluss an den öffentlichen Verkehr oder geschützte Fahrradparkplätze an Bedeutung gewinnen.

Die Baubranche kann diese Forderungen nicht ignorieren und muss neue Mobilitätskonzepte bei Bauprojekten oder Umbauten entsprechend berücksichtigen. Dazu kommt auch, dass mit MaaS das Pendeln effizienter, umweltfreundlicher und kürzer werden dürfte. Regionale Ableger und Co-Working-Spaces dürften daher an Bedeutung gewinnen.

Doch auch der Freizeitverkehr beeinflusst die Baubranche. Die Bedeutung von Garagen nimmt ab, während andere Mobilitätskonzepte an Bedeutung gewinnen. Beispiel hierfür sind Ladestationen für Elektroautos, die im Carsharing-Modell genutzt werden.