Nachdem die Produktivität auf dem Bau in Deutschland in der Vergangenheit kontinuierlich gesunken ist, hat sich die Situation seit Beginn der 2010er-Jahren wieder stabilisiert. So blieb die Arbeitsproduktivität im deutschen Baugewerbe seit 2010 mehr oder weniger unverändert, während der Volumenindex der Produktion im deutschen Baugewerbe seit 2015 sogar über 26 Prozent zunahm. In diesem Beitrag untersuchen wir die Hintergründe dieser Entwicklung und vergleichen die Situation auf dem Bau in Deutschland mit der Situation der Baubranchen in acht weiteren europäischen Staaten.

Produktivität im Baugewerbe

Was ist Produktivität?

Produktivität ist ein Begriff, der uns in zahlreichen Aspekten unseres Alltages begleitet. Obwohl sich die meisten etwas unter dem Wort vorstellen können, fällt es vielen schwer, die Einheit der Produktivität genau zu definieren. Zu Beginn dieses Beitrages über die Produktivität im Baugewerbe klären wir daher, was Produktivität genau ist.

Nach der allgemein anerkannten Definition bestimmt man den Wert der Produktivität, indem gemessen wird, wie oft eine Arbeit in einer bestimmten Zeitspanne ausgeführt wird. Mit anderen Worten: Produktivität ist gleich Arbeitseinheit pro Zeiteinheit. Aus wirtschaftlicher Sicht lässt sich die Produktivität jedoch nur schwer bis gar nicht auf diese Weise messen.

Wie lässt sich die Produktivität des Baugewerbes messen?

Zur Messung der Produktivität eines Wirtschaftszweiges, in unserem Fall des Baugewerbes, existieren zwei verschiedene Ansätze: der Volumenindex der Produktion und die Arbeitsproduktivität. Der Volumenindex der Produktion ist ein Indikator, der eine komplexe Formel (Laspeyre-Formel) verwendet, um die Produktivität im Vergleich zu einem Basisjahr zu messen. Die Arbeitsproduktivität hingegen misst das Bruttoinlandsprodukt eines Wirtschaftszweiges pro geleistete Arbeitsstunde.

Was sind die Gründe für die Veränderungen der Produktivität?

Wir sehen zwei hauptverantwortliche Faktoren, welche die Produktivität auf dem Bau in Deutschland und in anderen Staaten beeinflussen; die Verfügbarkeit von Fachkräften und der Stand der Umsetzung digitaler Technologien.

Verfügbarkeit von Fachkräften

Der Fachkräftemangel ist seit Jahren eine der akutesten Bedrohungen für die deutsche Wirtschaft. Er limitiert das Potenzial von zahlreichen Unternehmen, sorgt für Verzögerungen und riesige Backlogs. Schätzungen der Boston Consulting Group zufolge kostet der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft jedes Jahr rund 86 Milliarden Euro. Auch die Bauindustrie wird hiervon nicht verschont. Der Volumenindex der Produktion im deutschen Baugewerbe stieg in den letzten 8 Jahren zwar kontinuierlich an. Bei der Arbeitsproduktivität auf dem Bau ist dies allerdings nicht der Fall, was eine direkte Auswirkung des Fachkräftemangels sein dürfte.

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Schleppende Umsetzung neuer Technologien

Der administrative Aufwand in der deutschen Baubranche ist in der Vergangenheit stark gestiegen. Das Gleiche gilt für den Konkurrenz- und Kostendruck. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Unternehmen der Baubranche moderne Technologien nutzen, um ihre Prozesse flexibler, schneller und reibungsloser zu gestalten. Leider gelten Deutschland und die deutsche Baubranche nicht gerade als Vorreiter in puncto Digitalisierung. Natürlich existieren Ausnahmen, die Versäumnisse bei der Digitalisierung bezahlt die Branche aber mit Einbußen bei der Produktivität.

Deutschland im europäischen Vergleich

Wenn wir den Blick über den Tellerrand wagen, sehen wir, dass sich die Baubranchen in vielen Ländern Europas in einer suboptimalen Situation befinden. In vielen westeuropäischen Staaten hat die Produktivität auf dem Bau in den letzten Jahren oder Jahrzehnten abgenommen. In den folgenden Abschnitten vergleichen wir die Produktivität auf dem Bau in Deutschland mit acht anderen Ländern in Europa.

Deutschland

Die Produktivität im deutschen Bauwesen ist europaweit einzigartig. Die Arbeitsproduktivität auf dem Bau stabilisierte sich nach der Finanzkrise, stieg kurz an, bevor sie wieder kontinuierlich auf das Niveau von 2010 zu sinken begann. Auf dem Niveau von 2010 stabilisierte sich die Arbeitsproduktivität seither wieder beinahe unverändert. Der Volumenindex der Produktion des deutschen Bauwesens hingegen stieg gegenüber 2015 um über ein Viertel an und liegt mit Stand 2022 bei 126 gegenüber 2015.

Österreich

Der Produktivitätsindex nach geleisteten Arbeitsstunden in der österreichischen Bauindustrie liegt mit Stand September 2022 bei beinahe 120 Punkten, verglichen mit 2015. Gegenüber 2021 ist die Produktivität um 3,8 Prozent angestiegen. Die Gründe für die überdurchschnittliche Performance in Österreich werden vor allem im dualen Bildungssystem mit der Berufslehre und in der Verfügbarkeit von Arbeitskräften gesehen.

Italien

Italien hat im europäischen Vergleich eine der tiefsten Produktivitätsraten über alle Branchen hinweg. Die Arbeitsproduktivität liegt bei etwas über 40 Milliarden Euro und der Volumenindex der Produktion des italienischen Bauwesens ist seit 2010 von beinahe 150 auf 83 Punkte gesunken. Allerdings ist die Produktivität in der italienischen Baubranche, gemessen an der Arbeitsproduktivität, in den letzten zehn Jahren um rund einen Fünftel gestiegen, während die Anzahl an Unternehmen in der Baubranche zum gleichen Zeitraum abgenommen hat.

Spanien

Ein weiteres südeuropäisches Land mit niedriger Produktivität ist Spanien. Das European Construction Sector Observatry (ESCO) der Europäischen Kommission spricht von einem Produktivitätsindex nach geleisteten Arbeitsstunden in der spanischen Bauindustrie von nicht einmal 40 Milliarden Euro. Im Vergleich zu den letzten zwölf Jahren ist die Produktivität des spanischen Bausektors mehr oder weniger gleich geblieben. Ein Angebotsüberhang auf dem Immobilienmarkt, die hohe Überschuldung und der Fachkräftemangel gehören zu den Verursachern.

Großbritannien

Während der Index der Produktivität in der Baubranche im Vereinigten Königreich im Jahr 2004 noch bei einem Wert von beinahe 120 Punkten lag, sind es heute noch rund 70. Dieser Rückgang ist erschreckend, im westeuropäischen Vergleich jedoch keine Ausnahme. Die größten Einbrüche sahen wir nach der Finanzkrise von 2018 und während der Zeiten von Corona und des Brexits.

Frankreich

Die Produktivität des französischen Bausektors gehört zu den höchsten in den lateinischsprachigen Ländern Europas. Verglichen mit anderen Staaten wie dem Vereinigten Königreich, Deutschland oder Österreich befindet sich die Bau-Produktivität in Frankreich aber immer noch auf relativ tiefem Niveau. Auch der Volumenindex der Produktion auf dem Bau ist in den letzten Jahren gesunken. Während er 2010 noch bei über 100 lag, sind es momentan noch rund 70 Punkte.

Polen

Der Volumenindex der Produktion auf dem polnischen Bauwesen ist seit 2016 von unter 90 auf 110 gestiegen. Auch die Arbeitsproduktivität, gemessen an den geleisteten Arbeitsstunden, stieg in Polen im letzten Jahrzehnt von 20 auf rund 25 Milliarden Euro. Allerdings gehört der polnische Bausektor mit einer Arbeitsproduktivität von 25 Milliarden Euro immer noch zu den produktivsten Bausektoren in ganz Europa.

Rumänien

In Rumänien ist der Volumenindex der Produktion auf dem Bau in den letzten Jahren stark gestiegen. Im Vergleich zu 2015 liegt der Index bei 130 – das ist eine stärkere Steigerung als in Deutschland, Österreich oder Großbritannien. Die Arbeitsproduktivität im rumänischen Bauwesen ist mit einem Wert von 20 Milliarden Euro aber der tiefste unter allen in diesem Beitrag beobachteten Ländern.

Ungarn

Seit 2010 ist sowohl der Volumenindex der Produktion als auch die Arbeitsproduktivität im ungarischen Bausektor gestiegen. Lagen die Werte 2016 noch bei knapp 100, bzw. bei 15 Milliarden Euro sind es heute 160 Punkte, respektive 23 Milliarden Euro. Die Steigerungen sind unter anderem mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach der Finanzkrise 2008 und dem großen Angebot an Arbeitspersonal zu erklären.

Direkter Vergleich der Produktivität

Land Volumenindex der Produktion im Baugewerbe (im Vergleich zu 2015) Arbeitsproduktivität im Baugewerbe (in Milliarden Euro)
Deutschland 126 50
Österreich 120 68
Italien 83 41
Spanien 97 39
Vereinigtes Königreich 110 71
Frankreich 70 52
Polen 110 25
Rumänien 129 21
Ungarn 160 23

Herausforderungen und Prognosen für die Baubranche im Jahr 2023

Was sind die größten Herausforderungen und was können wir tun, um sie zu bewältigen?

Was sagt der Vergleich aus?

Betrachtet man die aktuellen Statistiken, stellt man fest, dass die Produktivität der Baubranchen in vielen Ländern Europas stagniert hat, oder sogar gesunken ist. Das ist allerdings nicht überall der Fall. Besonders in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, die historisch eine sehr tiefe Produktivität haben, sahen wir in den letzten Jahren starke Zunahmen. Im Vergleich zum Volumenindex der Produktion im Jahr 2015 (Wert: 100) haben Polen, Ungarn und Rumänien massiv zugelegt. Mit einem Indexwert von 160 ist der Volumenindex der Produktion im ungarischen Bauwesen gegenüber 2015 am meisten gestiegen. Noch liegt die Produktivität immer noch hinter der in Westeuropa. Allerdings zeigen unsere Untersuchungen, dass bezüglich Produktivität eine Annäherung zwischen Osten und Westen stattfindet – sowohl in der Baubranche als auch in anderen Wirtschaftszweigen.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Produktivität auf dem Bau zu steigern?

In der heutigen Zeit ist es für Unternehmen der Baubranche wichtig, ihre Produktivität zu steigern, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Mit Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel, der Inflation und der Energiekrise gibt es für die Branche auf absehbare Zeit schließlich keine andere Möglichkeit, als die Produktivität zu steigern. Es bestehen verschiedene Ansätze, wie das erreicht werden kann. Folgend stellen wir Ihnen einige Lösungsmöglichkeiten vor.

Administration effizienter gestalten

Ein wahrhafter Produktivitätskiller sind administrative Tätigkeiten. Hier investieren Unternehmen massive Aufwände, ohne dass dabei eine Wertschöpfung stattfindet. Eine Möglichkeit, produktiver bauen zu können, besteht daher darin, die Administration zu reduzieren. Das soll nicht heißen, dass notwendige Prozesse vernachlässigt werden sollen, sondern nur, dass solche Prozesse effektiver gestaltet werden müssen. Es empfiehlt sich, standardisierte Systeme zu verwenden, die aufeinander abgestimmt sind. Zudem gilt es, Schnittstellen zu überarbeiten, dafür zu sorgen, dass es keine überflüssigen Abläufe gibt und sicherzustellen, dass die Arbeitsverteilung zwischen verschiedenen Abteilungen und Mitarbeitenden klar geregelt ist.

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Besser Planen

Planung ist das A und O für ein gelungenes Bauprojekt. Viele unerwartete Probleme, Mängel und Verzögerungen könnten vermieden werden, wenn die Planungsphase entsprechend verbessert worden wäre. Die Rendite, welche eine fundierte Planung mit sich bringt, ist viel zu hoch, um die Planungsphase zu vernachlässigen. Wenn Sie dennoch Sorgen haben, dass die Kosten der Planungsphase den Rahmen sprengen, bestehen Möglichkeiten, wie Sie die Planung gleichzeitig kostenschonender als auch gründlicher gestalten können. Eine solche Möglichkeit bietet zum Beispiel eine professionelle Bausoftware.

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Unerwartetes besser managen

Auch mit der besten Planung kann es zu unerwarteten Hindernissen und Rückschlägen kommen. In diesem Fall gilt es vorbereitet zu sein, um solche Fälle zu managen. Flexibilität ist keine Qualität, wofür die deutsche Baubranche bekannt ist. Allerdings ist es genau das, was Baufirmen heutzutage brauchen, um besser auf Unerwartetes reagieren zu können. Je schneller und effizienter ein Hindernis überwindet wird, desto eher kann man die limitierten Ressourcen wieder auf das eigentliche Projekt fokussieren und desto weniger stark wird die Produktivität beeinträchtigt.

Digitale Lösungen umsetzen

Die Digitalisierung ist für viele Baufirmen ein Fluch und ein Segen zugleich. Hier stellt sich die Frage, ob man sich vor neuen Technologien verstecken möchte oder ob man sie annimmt und proaktiv umsetzt. Heutzutage gibt es eine Vielzahl an technischen Lösungen für das Bauwesen, welche dabei helfen, effizienter arbeiten zu können und die Produktivität zu steigern. Alle genannten Lösungsansätze können überwunden werden, wenn die nötige technische Infrastruktur vorhanden ist.

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Produktivität auf dem Bau: Fazit

Die Produktivität des Bauwesens in Deutschland hat sich stabilisiert, noch ist allerdings Luft nach oben. In diesem Beitrag haben wir die Hintergründe dieser Entwicklung unter die Lupe genommen, analysiert wie die Situation in anderen Ländern Europa aussieht und vorgestellt, welche Lösungsansätze bestehen. Bis auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks hat die Produktivität der Baubranche in vielen untersuchten Ländern in Europa abgenommen. Die Ursachen sind im Kern die gleichen: Fachkräftemangel und eine schleppende Umsetzung der Digitalisierung. Während die Baubranche den Fachkräftemangel nicht auf eigene Faust von heute auf morgen lösen kann, sind die Handlungsspielräume bezüglich Digitalisierung weniger begrenzt.

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Viele Herausforderungen der heutigen Zeit, mit der die Baubranche in Deutschland und in anderen Ländern Europas kämpft, können mit den entsprechenden technischen Lösungen überwunden werden. Eine effektive Möglichkeit, die Produktivität zu steigern, bringt Bausoftware, wie sie von PlanRadar angeboten wird. Mit der Softwarelösung von PlanRadar senken Sie Ihre laufenden Kosten, während Sie die Planung, das Mängelmanagement und die Kommunikation mit Ihren Stakeholdern verbessern. Überzeugen Sie sich selbst und testen Sie PlanRadar 30 Tage lang kostenlos.